Mittwoch, 4. Dezember 2013

In den Schuh wachsen

Es ist eines dieser Bilder, das sich in meinem Gehirn eingegraben hat. Das Bild stammt von meinem Vikariatsleiter Andreas Nufer und hat mir auch schon als Vorlage fuer Predigten gedient. Auf einem unser Viakariatsspaziergaenge hatte Andreas das Pfarrleben einmal so geschildert (mit der entsprechenden Handbewegung untermalt): "Wenn du wirklich etwas bewegen willst als Pfarrerin, dann musst du einen soooooooo grossen Schuh anziehen, in dem du am Anfang gar nicht richtig gehen kannst. Jeden Tag waechst du weiter rein, bis der Schuh irgendwann passt."

Gerade kommt mir das sehr bekannt vor. Wir haben fuer die Swiss Church einen wunderschoenen 'Merry Christmas' Banner machen lassen, um den Passanten in Covent Garden schoene Weihnachten zu wuenschen. Der Banner ist 1x2 Meter und wir haben keine Ahnung, wie wir ihn aufhaengen sollen. Das hatten wir uns vorher nicht ueberlegt. Aber ich lasse mich keinenfalls entmutigen, denn es heisst ja: Zuerst laesst du einen sooooooo grossen Banner produzieren - und dann ueberlegst du dir, wie du ihn aufhaengen willst.

Ich habe meine wichtigste Lektion als Vikarin offensichtlich gelernt.

Freitag, 22. November 2013

Die kleinen Wunder Londons

Was fuer eine aufregende Woche... und ich ganz ohne Mobiltelefon, um sie zu dokumentieren! Die Auszeit von meinem Mini-Apparat geniesse ich zwar, aber das posten von Fotos per Social Media fehlt. Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich das iPhone zuecken will, um meinen Aufenthaltort mit der ganzen Welt zu teilen. So muessen nun halt Worte genuegen.

Am Mittwoch und Donnerstag hat die Modefirma 'Hobbs' die Kirche mit Frauenfruehlingsmode und ranken Models belebt (mich haben sie natuerlich fuer ein Model gehalten... aber mein ungelenker Hueftschwung und meine Lachfalten haben mich verraten). Als Dank gab's einen grossen Blumenstrauss und zwei Flaschen Prosecco fuer unseren Kuehlschrank. Die Herrenmode steht im Januar an.

Und dann gibt es ja in diesem London immer wahnsinnig viel zu entdecken. Ueberall verstecken sich kleine Wunder. Am Mittwoch war ich zum St Cecilia Festival in die Westminster Abbey geladen. St Cecilia ist die Schutzheilige der Musiker, und jedes Jahr organisiert der Musician Benevolent Fund ein glamouroeses Fundraising Event zu Ehren eines Musikers. Dieses Jahr wurde das 100. Geburtsjubilaeum von Benjamin Britten erinnert. Der Musician Benevolent Fund (MBF) unterstuetzt Musikerinnen und Musiker, die durch Unfall, Krankheit oder Lebenskrisen in Notlage geraten. Die Swiss Church verbindet mit dem MBF zweierlei: erstens ist der Fluegel, der in unserer Kirche steht, langfristige Leihgabe des Funds. Zweitens wird das Musikprogramm der Swiss Church von einer der aktivsten Goennerinnen des MBF kuriert, Dr Ursula Jones, auch Mitbegruenderin des Benjamin Britten Chamber Orchestra und Vorstandsmitglied des KKL in Luzern. Nach dem Gottesdienst ging es zum Mittagessen zur beruehmten Whitehall Banqueting Hall, von wo dereinst Koenig Charles I zu seiner Enthauptung schritt.

Gestern waren ich und Nicky (= das Swiss Church team) zum Empfang in der London Library geladen - eine private Bibliothek mit einer ausserordentlichen Sammlung an fremdsprachigen Buechern (u.a. 40'000 deutsche Werke). Dieses versteckte Schmuckstueck ist sonst nur Mitgliedern zugaenglich (£460 pro Jahr), zu denen sich in der Vergangenheit illustre Personen wie Virginia Woolfe oder Charles Darwin zaehlten. Ein fantastisches Gebaeude und ein Paradies fuer Buchliebhaber! Ein paar Mitgaeste liessen sich fuer unseren Fondue Fundraiser begeistern - 'Swissness' zieht!

An solchen Tagen liebe ich das Leben in London, auch wenn mich die abendliche Rush Hour manchmal fast um den Verstand bringt und ich mich nach Heidiland und der ueberschaubaren Quartiermigros sehne.

Donnerstag, 14. November 2013

Die Klagemauer

Ich habe die Sonne in Spanien wieder gegen das gedimmte Licht in der Kirche eingetauscht. Waehrend erstere mich in den erst vergangenen Sommer zurueckholte, erinnert mich zweiteres an die Weihnachten, die da draussen vor der Tuer steht. Ich mag diese Zeit. Nie sind die viele Menschen so aufgeregt und hoffnungsvoll. Die bunten Lichter in den Strassen Covent Gardens machen alle so freundlich. Kaelte ist in England gar nicht so schlimm. Es gibt ja die gemuetlichen Pubs.

Damit die Einkaufenden im Vorweihnachtstumult auch etwas Ruhe finden, bauen wir unser spirituelles Programm im Advent aus. Donnerstags vor dem 'Prayer&Pub' gibt es eine Stunde 'Sit in Silence'. Man kann sich zum stillen Gebet, zur Meditation oder zum Kaffeetrinken dazugesellen und die Einkaufstaschen zur Seite stellen. Zu diesem Zweck werde ich auch wieder die Klagemauer aufbauen, ein neues Asset der Swiss Church, das ich am Gedenkgottesdienst an Allerheiligen eingefuehrt habe und das grossen Anklang fand. Wie bei der Klagemauer in Jerusalem koennen BesucherInnen ihre Gebetswuensche und Gedanken auf einen Zettel schreiben und zwischen den Backsteinen ablegen. Auf der Mauer koennen Kerzen angezuendet werden.

Die Gesteinsbrocken stammen noch vom Umbau der Kirche und waren im Keller unten versteckt. Nun kriegen sie eine neue Funktion.



Mittwoch, 16. Oktober 2013

Next stop: Swiss Open Urban Church

Die Swiss Church in London steckt derzeit mitten im Umbau. Nicht der kuerzlich neu eroeffnete Kirchenraum wird diesmal umgebaut, sondern die Finanzstruktur. Die Oase der Ruhe und Stille mitten in der geschaeftigen Grossstadt verliert innerhalb der naechsten zwei Jahre ihren Hauptsponsor. Wer koennte dies sein? fragt die geneigte Leserschaft sich nun vielleicht. Die Botschaft? Die UBS? Oder vielleicht ein grosszuegiger Privatespender, der seinen Wohnsitz wieder in die Schweiz verlegt? Falsch geraten. Es ist das Schweizer Kirchenvolk selber, das bisher ueber obligatorische Abgaben an den Schweizerisch Evangelischen Kirchenbund (SEK) die drei Auslandkirchen in Italien, Argentinien und England unterstuetzt hat. Diese automatische Unterstuetzung soll mit der neuen Verfassung zu Ende gehen. Die strukturelle und finanzielle Mitverantwortung fuer die drei Auslandkirchen soll darin keinen Platz mehr finden. Konsequenterweise wird damit auch der Geldhahn zugedreht.

Was heisst das nun konkret fuer die Swiss Church in London? Die finanzielle Struktur setzt sich bisher wie folgt zusammen:

13% Spenden und Kollekten
35% Vermietung des Kirchenraumes
5% Fundraising
46% Unterstuetzung SEK
1% Anderes

Bei einem durchschnittlichen Jahresumsatz von rund £150'000 (oder 220'000 CHF) ergibt das eine Luecke von summasumarum... ach, ich ueberlasse die Rechnerei der geneigten Leserin.

So, nun aber fertig mit der Rechnerei. Damit wir hier auch weiterhin Schweizer Kirchengruppen bei der Planung der Konf- und Vikariatsreisen unterstuetzen und den SchweizerInnen waehrend ihrem kurz-, mittel- und langfristigem Englandaufenthalt Heimat sein koennen, brauchen wir alternative Wege der Finanzierung.

In Zusammenarbeit mit einer Unternehmensberaterin und mit der Unterstuetzung von PfarrkollegInnen aus der Schweiz arbeiten wir derzeit an einem Konzept. Eine offene Urban Church soll die Swiss Church sein, die Tradition und Moderne vereint, Schweizer Wurzeln pflegt und gleichzeitig Treffpunkt fuer Covent Garden ist. Ein Hafen der Stille und Besinnlichkeit, in dem Menschen sich ausruhen und austauschen koennen.

Werte Leserschaft, ihr koennt schon jetzt einen Beitrag leisten: direkt aufs Konto der Swiss Church oder etwa durch das Erwerben einer Orgelpfeife.

Oder: indem ihr dies hier lest, herumerzaehlt und angeregt diskutiert.





Freitag, 11. Oktober 2013

Grippeimpfung fuer Pearl Harbor

"In Ameeeerica...! In Ameeeerica...! In Ameeeeerica...!" singen sie.

Das Musical heisst 'From Here to Eternity' und hatte letzte Woche Premiere im Shaftesbury Theater, gleich gegenueber der Swiss Church. Die Plakate haengen in jedem U-Bahn-Schacht und bewerben die tragische Pearl Harbor Liebesgeschichte. Jetzt tanzen und singen vierzig Musicalstarletts in der Swiss Church und feilen noch an Details fuer die Show. Es ist ein Kaeferfest im Haus - so wie ich das liebe! Es ist ein bisschen wie diese Fernsehshows, wo man unter der strengen Kritik Dieter Bohlens Star werden kann, aber in echt.

Als ich vom Klo zurueckkomme, begegnet mir auf der Treppe so ein junger Mann. Sieht aus wie Danny von Grease mit gefuetterter Lederjacke. Vielleicht hat er ja tatsaechlich mal Danny gemimt...? Er fragt mich: "Do you know where the flu jabs are?" Die Grippeimpfung? Da kann ich leider wirklich nicht helfen. Ich kann hoechstens beten, dass dich kein Virus erwischt (habe ich natuerlich nicht gesagt). Die ganze Tanzkompanie kriegt also eine Grippeimpfung verabreicht, dass die Show auch ja jeden Abend rund laeuft.

Mir soll's recht sein. Schliesslich kriegt das ganze Swiss Church Team Gratiskarten fuer die herzzerreissende Weltkrieg-Show.

Bitte kommt wieder, ihr schoenen und talentierten Menschen! Ihr seid eine sehr angenehme Bueroaussicht und Hintergrundsmusik. Moege euer Weg mit Erfolg gesegnet sein!





Freitag, 27. September 2013

Die Pringle's Dose an der Handorgel

Ich beschreibe ja gerne Szenen aus dem Alltag. Hier ist eine aus der U-Bahn:

Auf dem Weg zur Arbeit, der mich jeden Tag in die Tiefen des verschlungenen Londoner U-Bahn Systems nach Covent Garden fuehrt, sassen heute zwei junge Touristinnen neben mir. Die eine Frau benutzte ihre Smartphone-Kamera, um ihre Lippen mit einem scheinbar neuen pinken Lippgloss zu bemalen. Sie hielt ihn ihrer Freundin mehrmals zum Beschnuppern hin. Gegenueber sassen drei nur wenig aeltere Kopftuchtraegerinnen, wahrscheinlich ebenfalls Touristinnen oder Austauschstudentinnen, die sich sichtbar ueber das oeffentliche Schminken unterhielten - leider in einer mir unbekannten Sprache. Des Weiteren sass da eine mittelalte Kopftuchtraegerin mit sehr traurigen Augen, wahrscheinlich auf dem Weg zur Arbeit.

Am Russell Square stieg ein Handorgelspieler zu, eine kleine leere Pringle's Dose ans Instrument geklebt, um Almosen fuer seine musikalische Einlage zu sammeln. Ich war als erste dran, und wie immer war ich hin- und hergeworfen zwischen meinem Herzensinstinkt, den jungen Mann zu unterstuetzen, und meiner Ratio, die mir sagt, dass ich damit die missstaendlichen Strukturen, die halb oder ganz illegale Lebenslagen erst hervorbringen, indirekt unterstuetze. Ich habe mich fuer die Ratio entschieden.

Alle vier Frauen mit Kopftuch haben grosszuegig in die Pringle's Dose geworfen. Alle Nicht-Kopftuchtraegerinnen haben den Kopf geschuettelt und die Augen gesenkt (wohl mehrheitlich nicht aus innerer Zerrissenheit). Diese kleine Alltagsszene hat mir wieder einmal bewusst gemacht, wie gross die kulturellen Unterschiede im Mikrokosmos U-Bahn, Abbild unserer Gesellschaft, sind.

Ich weiss noch immer nicht, was die richtige Entscheidung ist ---

Dienstag, 10. September 2013

Gewöhnungsbedürftig


ö ä ü

An gewisse Dinge gewöhnt man sich. Zum Beispiel daran, die Umlaute zum Verfassen eines Blogeintrags aus dem Word zu kopieren. Clever, nicht? Man gewöhnt sich auch daran, dass die Menschen ziemlich konsequent Schweiz und Schweden verwechseln. So heute wieder auf dem Zahnarztschragen:

"Is dental treatment more expensive in Switzerland?" - "Probably, yes, but it's covered by the health insurance." - "Most things are more expensive in Scandinavia." (Und bevor ich etwas erwidern kann, machte sich der Laserstrahl ans Zertrümmern meines Zahnsteins.)


An gewisse Dinge kann man sich so halb gewöhnen. Zum Beispiel daran, dass man die zahnärztliche Kontrolle und die Dentalhygiene aus dem eigenen Portemonnaie zahlt. (Und wem haben wir es zu verdanken? Maggie Thatcher!)

"£100 please, Miss." (Karte rein, Code eintippen, 150 Franken weg)


An gewisse Dinge kann man sich nicht gewöhnen . Zum Beispiel die Frage aus der Gemeinde, ob denn in meinem Wohnviertel nicht "many Arabs" leben würden? Dass die Frage in der Schweiz hin und wieder mal auftaucht, ja daran habe ich mich (leider) gewöhnt. Wie den Wahl-LondonerInnen der Mix der Kulturen in London aber überhaupt noch auffallen kann, das ist mir ein Rätsel.


Für Prayer&Pub habe ich mich übrigens auf den richtigen Ratschlag verlassen. Wir haben zu viert einen sehr schönen Abend verbracht, im meditativen Gebet und im Pub. Ich habe keine Zweifel, dass sich diese 'fresh expression' etablieren wird.