Montag, 15. Mai 2017

Was Wäre Wenn...

Ich bin 36 Jahre alt, bald 37, und seit über einem Jahr verheiratet. In den Monaten nach unserer Hochzeit waren die Aussagen noch explizit und fadegrad: "Wenn ihr dann mal Kinder habt...". Mittlerweile sind diese Stimmen verstummt und haben sich verwandelt in wortlose Blicke und, wie ich vermute, Vermutungen. "Können sie vielleicht nicht...?" "Probieren sie wohl...?" "Ah, sie trinkt keinen Wein. Vielleicht...?" Ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich extra Alkohol trinke, auch wenn mir null danach ist, einfach um die Sachlage implizit klar zu stellen. Ich glaube mir manchmal selber nicht, wenn ich sage: "Heute nur Cola, ich bin verkatert/erkältet/muss morgen früh raus", obwohl das absolut der Wahrheit entspricht. Weite Pullis vermeide ich. Als verheiratete Frau im gebärfähigen Alter hängt die Kinderwolke ständig über mir und meine öffentliche Rolle im kirchlichen Umfeld trägt das ihre zur Verschärfung der Lage bei. Die Pfarrerin sollte doch jetzt eigentlich Kinder produzieren. 

Das ist anstrengend.

Natürlich beschäftigt mich die Frage, auch wenn ich gegen aussen so tue, als existiere die biologische Uhr für mich nicht. Sie tickt wie ein nerviger Tinnitus ständig in meinem Ohr.

Die Antwort ist: ich weiss es einfach nicht. Ich habe noch nie zu den Menschen gehört, für die Kinderkriegen unbedingt zum Lebenslauf dazu gehört. Ich verspüre kein überwältigendes Bedürfnis einmal schwanger zu sein, noch die Strapazen einer Geburt zu erleben, schlaflose Nächte zu haben und meinen spontanen Lebensrhythmus kindergerecht einzutakten. Als Pfarrerin verbringe ich viele meiner Tage damit, jungen und alten Menschen meine Zuneigung und Fürsorglichkeit zu schenken, also gewissermassen 'mütterlich' zu sein. Das erfüllt mich und gibt meinem Leben einen weiten Sinn, der weit über das Private hinausgeht. Mein Leben ist nicht in Arbeitswelt und Privatwelt eingeteilt, obwohl die verschiedenen Beziehungen und Tätigkeiten natürlich ihren je eigenen Platz haben.

Versteht mich nicht falsch: ich bin überzeugt, dass das Über- oder Erleben einer Geburt ein absolut unbeschreibliches Gefühl sein kann (obwohl ich den posttraumatischen Stress, der eine Geburt auslösen kann, auf keinen Fall unterschätze). Ich kann mir schon vorstellen, dass wenn man dieses kleine Bündel Leben mal in der Hand hält, dass man dann nie mehr ins Vorher zurück will. Ich bin überzeugt, dass dieser intensive Liebesbund mit dem eigenen Kind ein Gefühl ist, das einen umwirft und das man nie mehr missen möchte. Ich sehe es in den Augen meiner Nächsten, wenn sie ihre kleinen Wonneproppen knuddeln und herzen und denke mir: "Wie toll muss das sein!" Manchmal bin ich ein klein bisschen eifersüchtig. Ich möchte das auch. Welches Herz kann sich den Liebesschwingungen einer innigen Elter-Kind-Beziehung schon entziehen! Ich mag dieses Gefühl der Verbundenheit jedem Elter von Herzen gönnen. Ich höre und schaue Eltern total gerne zu, wenn sie von ihren Kindern reden oder mit ihnen spielen. Ich spiele sehr gerne mit Kindern und bin fasziniert von ihrer Welt. Taufgottesdienste gehören mit zu den schönsten Aspekten meines Berufes. Es ist herzerwärmend. Und ich bin überzeugt, mein Herz würde genau an diesem Ort auch für meine eigene Kinder pumpen und nie mehr zurück wollen.

Aber: Ich vermisse es nicht. Vermissen kann man nur, was man kennt.

Eine Familie zu gründen braucht Mut. Unterschätzt wird oft, dass es genau so viel Mut braucht, wenn nicht sogar noch mehr, es mit Kindern gar nicht erst zu versuchen. Mit der Aussage "Ich will keine Kinder" stösst man die Mitmenschen oftmals vor den Kopf, weshalb sich vor allem Frauen ohne Kinderwunsch oder mit Zweifeln in einer Tabuzone bewegen. Wenn man seine Zweifel ausspricht, dann muss man oft mit Reaktionen rechnen, die jegliche hilfreiche Diskussion sofort abwürgen:

"Ich habe Freunde, die sich gegen Kinder entschieden haben. Sie bereuen das heute total."

"Man versteht das Leben erst richtig, wenn man Kinder hat."

"Denk bloss nicht zu viel darüber nach. Mach einfach. Mit zunehmenden Alter wird das immer schwieriger..."

"Wer schaut denn im Alter zu dir?"


Stellen wir uns umgekehrt einmal vor, wir würden den Kinderwunsch oder eine Schwangerschaft ähnlich kommentieren: "Habt ihr euch das auch gut überlegt?" - "Ich habe von Eltern gehört, die sich im Nachhinein nicht mehr für Kinder entscheiden würden." - "Und wenn den Kindern mal was zustösst?"

Der Übergang vom Paar- zum Familienleben ist in meiner Altersgruppe natürlich ein grosses Thema. Junge Väter und Mütter werden gefragt, wie sie mit der Umstellung klarkommen. Was oft vergessen geht, ist dass auch die Unentschiedenen an diesem Übergang stehen, und diejenigen, die keine Kinder haben können. Das Leid der ungewollten Kinderlosigkeit ist gross und es ist oftmals ein langer und beschwerlicher Versöhnungsweg mit den eigenen Wünschen und dem eigenen Leben. Aber auch der Weg der Unentschlossenheit ist kein leichter. Die konfuse und komplexe Angelegenheit der Kinderfrage ist ständige Begleiterin. Der Zeiger schlägt mal auf diese Seite, dann auf die andere Seite aus und vollzieht manchmal wilde Tänze in der Mitte. 

Vor der Was Wäre Wenn Frage sind wir alle nicht gefeit. Einige Menschen neigen eher dazu als andere. Das kann sich irgendwann in einer ausgeprägten Mid Life Crisis zeigen oder einfach beim Rückblick aufs eigene Leben im Alter, auf das Erfüllende und das Bedauerliche. Beides gehört dazu. Die Was Wäre Wenn Frage gehört zum Menschenleben dazu und wir wissen jetzt nicht, worum sie sich dereinst einmal drehen wird, und ob überhaupt. Sollte ich einmal Kinder haben, die mich im Grossen und Ganzen beglücken (was ja auch nicht selbstverständlich ist), dann werde ich wahrscheinlich zurückschauen und denken: zum Glück habe ich mich damals für Kinder entschieden! Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es ohne wäre! Sollte ich keine Kinder haben, dann werde ich vielleicht zurückschauen und mich fragen: wie wäre es wohl gewesen, hätte ich Kinder gehabt? 

Kinderkriegen, keine Kinder haben wollen, keine Kinder haben können: alle diese Lebenswege brauchen Mut, und auf jedem mutig beschrittenen Lebensweg brauchen wir Menschen, die uns unterstützen und ermutigen in unserer Entscheidung. Wir brauchen Menschen, die uns ganzheitlich so annehmen, wie wir sind, mit unseren Ängsten und Freuden, unseren Entscheidungen und Hoffnungen, statt in den uns fehlenden Erfahrungen ein Manko zu sehen. Wir haben ja sowieso alle nur einen sehr eingeschränkten Erfahrungshorizont. Das trifft auf alle Lebensbereiche zu.

Meine Hoffnung ist, dass ich einmal zufrieden auf mein Leben zurückschauen kann. Nicht mehr, nicht weniger. Ich glaube die Chancen stehen gut, dass mir das mit und ohne Kinder gleichermassen gelingen kann. Ich bin grundsätzlich ein erfüllter Mensch, trotz all den Zweifeln und Ängsten und Unsicherheiten, die das Leben so bringt. Ich bin dankbar, dass ich lebe, dankbar für das, was mir im Leben mitgegeben wurde und für die Menschen, die mich umgeben. Es ist so unglaublich viel und ich halte oft inne und denke: Danke! Dann fliesst mein Herz über vor Freude. Es ist bei weitem nicht nur die Kinderfrage, die mich definiert und ausmacht.

Ich glaube, was ich am meisten bereuen würde, ist irgendwann einmal zurückzuschauen und feststellen zu müssen, dass ich vor lauter Was Wäre Wenn vergessen habe, das Leben zu geniessen und dafür zu danken, was ich habe. Ich will das Glück, wenn es da ist, mit allen meinen Armen und Beinen umarmen können, damit ich gestärkt bin, sollte es mir mal abhanden kommen. Ich will die Beziehungen, die mich tragen, pflegen und hegen wie einen bunten Garten, damit ich mich in Zeiten des Kummers darin aufhalten und umgekehrt anderen einen Aufenthaltsort bieten kann. Mit Kind und Kegel. 

Donnerstag, 13. April 2017

Von der Reformation zur Deformation

Ich bin eigentlich eine stolze Reformierte, besonders seit ich nach England übersiedelt bin. Wir gehören hier zum liberaleren Spektrum der christlichen Religionsgemeinschaften und viele Bekannte staunen, dass ich so skeptisch und weltbezogen predigen darf, ja sogar in meiner Ausbildung dazu ermuntert wurde. Es wird gestaunt über die basisdemokratische Entscheidungsstruktur in unserer Gemeinde und über die flache Hierarchie ohne Bischöfe und Pomp. Es wird gestaunt, dass ich offen über meine Zweifel an der Auferstehung sprechen darf und dass ich die Bibel mit einem historisch-kritischen Blick lese. Und überhaupt, dass eine junge Frau mit säkularem Lebensstil Pfarrerin sein kann! Ich spreche offen über meinen Glauben und über meinen Beruf, mal ernsthaft, mal mit Humor, im Taxi, im Pub, beim Picknick im Park und bin stets offen für Glaubensgespräch, und gleichzeitig vertrauen mir meine agnostischen, zweifelnden, andersgläubigen Bekannten, dass ich sie nicht mit unlauteren Mitteln bekehren will. Mein ultimatives Ziel ist es nicht, dass sie am Sonntag zur Predigt aufkreuzen (auch wenn es mich natürlich freut). Gott trifft man ja nicht nur in der Kirche an.

Die reformierte Theologie hatte mir von Anfang an gefallen, weil sie so weltoffen, ja gar aufrührerisch und allemal kritisch ist. Keine Frage war dumm im Studium, und meine Erkenntnis, dass das Alte Testament das ohne Jesus und das Neue Testament das mit Jesus ist, wurde von meinen ProfessorInnen nicht belächelt, sondern eher als Chance für eine unvoreingenommene Auseinandersetzung mit dem Christentum gesehen. So hat mein Professor für Altes Testament einmal zu mir im Pendlerbus zur Unitobler gesagt: "Ja Frau Maurer, Sie haben zwar eine grosse Klappe, aber es steckt auch was dahinter." An dieser Stelle: Danke, Herr Dietrich, das Kompliment wirkt bis heute!

Reformiert sein ist toll, man kann debattieren, das Undenkbare denken, frech sein und Kritisches fragen. Man kann am Abendmahl teilnehmen, so wie man ist, ohne Bussbekenntnis und ohne Taufe, Kinder und Erwachsene (auch wenn hier die Meinungen unter Reformierten durchaus auseinander gehen). Der Blick zurück stellt uns auf die Seite der Aufmüpfigen gegen staatliche und kirchliche Autoritäten. Unsere Vorfahren haben sich gewehrt.

Das Reformiert sein wird zelebriert dieses Jahr landauf, landab, und es kann uns richtig warm ums Herzen werden. So toll sind wir!

Doch meine stolze reformierte Fassade wird gerade brüchig, und das ausgerechnet im Reformationsjahr. Es ist mir unwohl, wie wir Reformierten, ganz wie die evangelischen Brüder und Schwestern in den Nachbarländern, das tolle reformierte Erbe zelebrieren. Im Fahrwasser der Feierlichkeiten lerne ich nämlich Dinge, die ich entweder bisher ausgeblendet habe oder die mir nie zugetragen wurden. Schreckliches, Unverzeihliches, Ohnmächtiges. Frauenklöster, nicht nur aber auch ein Ort der Freiheit, Selbständigkeit und Bildung für viele Frauen, wurden aufgelöst und als Alternative die Rolle der gebärenden Pfarrgattin zementiert.

Schreckliches wurde Frauen angetan. Frauen mit unehelichen Kindern mussten im 17. Jahrhundert mit schweren Strafen rechnen und wurden bei sogenannten moralischen Vergehen oft von ihren Kirchgemeinden an die staatlichen Behörden ausgeliefert. So wurde 1644 eine junge Frau verurteilt, in Ketten gelegt und gestreckt, weil sie mit einem unehelichen Kind schwanger war. Eine schwangere Frau! Gestreckt! Als ich davon in der Bref las (No 4/2017), musste ich mich fast übergeben.

Ich wusste natürlich, dass die Reformatoren in Zürich und Bern sich nicht gegen die staatliche Verfolgung der TäuferInnen gewehrt, ja auch selber bis ins 17. Jahrhundert an deren Verfolgung teilgenommen haben. Das Ausmass aber dämmert mir erst jetzt so langsam: die lange Zeitspanne und die Tausenden von Verfolgten und Toten. Zu radikal, zu eigen, zu staatskritisch. Um sich von der anfänglichen aufrührerischen Bewegung zu einer anerkannten landeskirchlichen Institution zu mausern, musste sich die reformierte Hauptströmung von ihren radikalen Mitgeschwistern abwenden und mit den Behörden einen Bund schliessen. Mit dem sensiblen Portrait über die Täufervergangenheit des Samuel Geiser hat die Zeitschrift Bref einen weiteren wichtigen Beitrag zu meiner Desillusionierung geleistet.

Ich gehöre der Gewinnerseite an. Ich bin eine Nachkommin der Verfolger und Unterdrücker. Bis ins hinterste Tal haben meine Vorfahren die Täufer verfolgt. Gegen Frauen und Männer sind sie unbarmherzig vorgegangen, haben Menschen wegen ihrer Glaubenshaltung getötet, etwa weil sie sich geweigert haben, Kleinkinder zu taufen.

Es scheint mir, als hätten wir Reformierten nicht viel gelernt aus unserer Geschichte. Wir zelebrieren das Erbe der Gewinnerseite und stellen uns als die tolerante, weltoffene und kritische Kirche dar. Wir gesellen uns weiterhin gehorsam auf die Seite der Mächtigen, um von ihrem Glanz etwas abzukriegen. Grosse ökumenische Gottesdienste mit Würdenträgern sind das Highlight dieses Jahres, und die Einladungskarten sind heiss umkämpft. Man will sehen und gesehen werden. Schaut, wie toll wir sind! Wir machen es genauso, wie wir das schon vor 500 Jahren gemacht haben: wir wollen nicht zu viel verlieren und Ehrengäste sein.

Gerade zum Jubiläum sollten wir unsere Haltung doch korrigieren und uns demütig und radikal zeigen. Wir sollten uns auf die Seite der Verfolgten stellen, Kopf und Kragen riskieren und an die Orte gehen, wo Schreckliches passiert ist, statt in die pompösen Kathedralen dieser Welt. Wir sollten die Häuser der damals und heute Verfolgten aufsuchen und ihnen das Wort geben, statt den staatlichen und religiösen Würdenträger und Gelehrten. Einige Pfarrhäuser, Kirchgemeinden und Medien tun dies, wagen etwas, provozieren, stellen sich quer. Von offizieller Seite wird dazu meist diplomatisch geschwiegen.

Dieses Jahr hat mich schon jetzt deformiert und gerade deshalb vielleicht erst recht reformiert.






Freitag, 17. Februar 2017

Die doppelte Liebeserklärung

Ich bin ja eigentlich echt ein Glückspilz. Meine bessere Hälfte hat nämlich einen richtig geilen Job. Er produziert Musik, und das mittlerweile auch oft in unserem grossen Londoner Pfarrhaus. Während ich also oben meine Predigt schreibe und in den grünen Garten schaue, wo die Füchse nachts ihr Unwesen treiben und die Rotkehlchen tagsüber um die Wette zwitschern, klingen von unten allerhand Töne nach oben. Gerade bastelt Tony Kaye unten an seinem neuesten Film. Ich gehöre zur Kategorie Mensch, für deren Konzentration ein Klangteppich im Hintergrund förderlich ist. Grüne Wiesen, Vögel, Stimmen und Musik. So lässt es sich arbeiten.

Pfarrmann Julian sitzt regelmässig bei mir in der Predigt (die er meist schon kennt, weil er sie in den Tagen zuvor kritisch lesen muss). Ein Agnostiker mit jüdischen Wurzeln und verankert in der ausserkirchlichen Welt nimmt er jeden schwammigen Kirchensprech gnadenlos ins Visier. Er entlarvt diese als faule Ausreden, wenn ich eigentlich nicht so richtig weiss, was ich sagen will. Im Vergleich hat mein Pfarrmann in seiner Jugend ja auch viel mehr Gottesdienste besucht als ich. Von Kirchensprech hat er also eine Ahnung. Während ich als junge linke Atheistin-Agnostikerin (deren Seele nach wie vor in meiner Brust schlägt) bei Juso-Veranstaltungen und auf Demonstrationen aufschlug, war Julian als Chorbube im Sängergewand in den Kathedralen Englands unterwegs. Wir haben uns dann irgendwo in der Mitte getroffen.

Im Gegenzug begleite ich Julian regelmässig zu Gigs in Londoner Clubs. Das ist der beste Ausgleich zu manchmal schwierigen Seelsorgebegegnungen, theologischen Krisen und Verantwortungslast. Meine eigene Vergangenheit als Sängerin einer Band liegt zwar Jahre zurück, und meine sängerische Tätigkeit beschränkt sich heute auf das Singen von Kirchenliedern, aber die Welt der Popmusik ist nach wie vor das beste Seelenfutter: das schummrige Licht, die Anonymität, existentielle Lyrik und Melodien, die direkt ins Herz zielen. Hier fühle ich mich oftmals eins mit der Welt und mit allem, was die Welt umfasst. Die Sinnfrage verliert ihre Dringlichkeit. Gebete in der Kirche schaffen das selten.

Kürzlich war ich im Camden Jazz Club am Konzert der wundervollen Beth Rowley. Sie wurde begleitet von Josh Savage. Beide sind regelmässig zu Gast im Pfarrhaus-Studio. Irgendwann hat Josh von der Bühne herunter gesagt: "Viele meiner Freunde hätten eigentlich Künstler oder Musikerinnen werden sollen. Aber sie haben sich eingeredet, dass das doch eh zu nichts führt und haben jetzt irgendwelche 9-5 Jobs. Es gibt so viele, die nie geworden sind, was sie sein wollten und sein sollten." Ich stand so da mit meinem Bier in der Hand und fühlte mich von diesen Sätzen unheimlich angesprochen. Kennt ihr, oder? Darin sind sich Pfarrerinnen und Lyriker ja sehr ähnlich: gelungen sind Worte dann, wenn sich möglichst viele Zuhörende individuell angesprochen fühlen. Das wiederum setzt eine gehörige Portion Authentizität voraus.

Wie ich also so da stand und mich individuell angesprochen fühlte, habe ich mir überlegt: bin ich geworden, was ich werden wollte?

Ich rekapitulierte: Bäuerin, Anwältin (Kampf für die Gerechtigkeit), Archäologin, Lehrerin (in der Lehrerinnen-Verehrungsphase), Wildtierphotographin, Gärtnerin (die fetten Würmer in der Schnupperlehre haben mich abgeschreckt), Auslandkorrespondentin, Politikerin (Bundesrätin natürlich), Reiseleiterin (ist heute quasi mein Hobby im privaten Bereich), Schauspielerin, Historikerin für Mittelalter (oder Altes Ägypten), Sängerin, Museumspädagogin, Journalistin, Kamerafrau.

Fazit: Ich bin nicht geworden, was ich sein wollte. Nichts davon.

Pfarrerin stand nie auf der Liste. Im Gegenteil. Als mir im Theologiestudium schwante, welche Berufsperspektiven sich da am Horizont zusammenbrauten, habe ich mehrmals die Flucht ergriffen. Im Schlund des Wales bin ich nie gelandet. Aber an vielen anderen Orten. Es waren gute Orte. Durchgangsstationen. Bis ich mir dann schliesslich doch den Talar übergezogen habe.

Nein, ich bin nicht das geworden, was ich sein wollte.

Ich bin genau das geworden, was ich sein will.

Mittwoch, 1. Februar 2017

Es kann nur schief gehen!

Oft werde ich gefragt, ob meine Liturgie an der Swiss Church in London eigentlich typisch reformiert sei, oder inwiefern sie sich von Gottesdiensten in der Schweiz unterscheidet. Ich weiss nie so genau, was ich darauf antworten soll, zum einen, weil ich kaum eine Vergleichgrösse habe, denn das hier ist ja meine erste feste Pfarrstelle. Zum anderen, weil ich innerhalb der reformierten Kirche eine so unglaubliche Vielfalt erlebt habe, dass es für mich die typisch reformierte Liturgie eigentlich gar nicht gibt. Ich habe Heilungsgottesdienste erlebt und habe dabei selber Hand aufgelegt. Ich habe Gottesdienste mit DJ erlebt, und stille Meditation im Kreis. Ich habe befreiungstheologische Gottesdienste erlebt und ökumenisch ausgerichtete. Ich habe ganz traditionelle Gottesdienste erlebt, solche mit Herz und solche ohne. 

Ist meine Art der Gottesdienestleitung typisch reformiert? Natürlich, denn reformiert-sein ist Teil meiner Identität. Die Abendmahlsliturgie mit Gesang und Vergebungsgebet mag zwar katholisch anklingen, aber sie entspringt meinem reformierten Sehnen und Glauben. Der Friedensgruss ist bei uns so selbstverständlich wie das Amen nach dem Gebet. Ich nenne unsere Form des Gottesdienst feiern am liebsten reformiert-ökumenisch, denn die Menschen, die mitfeiern, sind katholisch, reformiert, anglikanisch, liberal, evangelikal, agnostisch. 

Diese Woche war eine Gruppe kantonaler Kirchenleitender und RepräsentantInnen der Akademien zu Gast in London. Wir hatten angeregte Gespräche mit Kirchenleitenden der anglikanischen Kirchen. Die englische Kultur hat schon immer eine grosse Faszination auf uns Schweizer ausgeübt. Unterwegs habe ich einem meiner Schweizer Kollegen erzählt, was das eigentlich mit einem macht, wenn man seine Predigten auf Englisch hält statt auf Deutsch, und da hat er zu mir gesagt: "Das musst du unbedingt einmal der Gruppe erzählen!" Auf der Reise war keine Zeit mehr, aber das Gespräch hat mich nicht mehr los gelassen, und so möchte ich hier diesen Gedanken weiter verfolgen. 

Ja, was unterscheidet denn die aufbrechende anglikanische Kirche von der suchenden reformierten Kirche? 

Oft denken wir, es ist die Hierarchie. Wenn wir nur einen Bischof hätten, der mal ein bisschen aufräumen könnte! 

Oder wir denken, es sei die orthodoxe theologische Linie. Diese Engländer reden so offen und hemmungslos von Jesus Christus und Mission!

Ich aber glaube, vieles hängt an der Kultur und an der Sprache und viel weniger an unseren konfessionellen und ekklesiologischen Unterschieden.

Die ersten zwei Jahre meiner Predigttätigkeit auf Englisch waren harzig, Über einer Predigt habe ich mindestens einen vollen Tag oder zwei gebrütet, im krampfhaften Versuch meine deutschen Schachtelsätze ins Englische zu transferieren. Mein Pfarrmann musste Abende damit verbringen, meine Predigten zu lesen und hat oft den Sinn nicht erfasst. Irgendwann hat er mich einmal gefragt, weshalb ich denn immer so lange und komplizierte Sätze mache. Ich solle doch die Sache einfach auf den Punkt bringen und die Sätze um einen Drittel kürzen. Von da an habe ich Schritt für Schritt gelernt, nicht nur auf Englisch zu predigen, sondern auch auf Englisch zu denken. Das Predigtschreiben viel mir immer leichter. Die Sätze wurden kürzer, prägnanter und bildhafter. Aber nicht nur das! Meine theologisches Denken hat sich verändert. Englisch ist eine sehr bildhafte und lebendige Sprache mit einem unglaublichen Wortschatz. Mein Denken und Reden über Gott wurde entsprechend eloquenter und weniger gstabig. Ich verlor die Angst vor Wörtern. Ich verlor die Angst, Dinge einfach mal stehen zu lassen. Anders als ich das aus dem (Schweizer-)deutschen gewohnt bin, muss nicht immer alles gleich noch relativiert werden. Das hat sicher auch mit der Berufserfahrung zu tun, aber zu einem grossen Teil auch mit der Sprache. Ich fühle und denke anders auf Deutsch oder auf Englisch. Lebhafter, selbstbewusster und unbeschwerter auf Englisch, tiefergreifender aber auch schwerfälliger auf Deutsch. Manchmal gibt es Inhalte, die kann ich auf Deutsch genau erfassen, aber auf Englisch geht der Sinn verloren, und vice versa. 

Aber nicht nur die Sprache beeinflusst das Handeln und Denken. Immer mit dem Risiko pauschalisierend zu wirken, würde ich den schweizerischen und englischen Arbeitsstil so unterscheiden: in England liegt der Schwerpunkt auf trial and error. Wir machen mal, und schauen, was daraus wächst. Wenn es nicht läuft, machen wir halt was anderes. Man traut sich gegenseitig was zu, und sich selber auch. In der Schweiz liegt der Schwerpunkt auf detaillierter Projektplanung. Ich staune manchmal, wenn mir meine KollegInnen erzählen, was sie alles vorlegen müssen, um ein Projekt zu starten, wie intensiv das im Vorfeld diskutiert und danach analysiert werden muss. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die der anderen ist viel weniger ausgeprägt. Man ist erst mal skeptisch. 

Was ich mir hier auch angeeignet habe: Lob auszuteilen und Lob entgegenzunehmen, motivieren statt ständig hinterfragen. Die Dinge laufen lassen. Aufmerksam sein und freuen, wenn etwas gelingt.Nicht gleich mit dem Auswertungsbogen kommen, um empirisch zu erfassen, weshalb das nun geklappt hat. Besser geht man ins Pub und feiert den Erfolg!

Meine innere reformierte Zerrissenheit und meine agnostische Grundhaltung habe ich deshalb nicht verloren. Sie ist da und sie gehört zu meiner DNA. Manchmal kommt Jesus ganz locker über die Lippen, dann wieder verstecke ich ihn eher verschämt im Hintergrund. Aber auch die Thomas-Momente kann man doch mit viel Herz und Überzeugung an den Mann und die Frau bringen. Mit Überzeugung glauben, und mit derselben Überzeugung zweifeln!

Brauchen wir Reformierten eine episkopale Hierarchie? Brauchen wir eine orthodoxere Theologie? Nein! Auch mit der Theologie einer Zweiflerin in einer basisdemokratischen Gemeinde kann man klare Sprache sprechen und überzeugt in die Welt hinaustreten, wenn wir uns nur die Freiheit geben und das Vertrauen schenken. 

Und einfach einmal das Trial and Error Prinzip anwenden und schauen, was der heilige Geist so vor hat! Es kann nur schief gehen. Das zumindest kann ich garantieren.









Freitag, 4. November 2016

Zwanzigtausend Pfund für ein Menschenleben

Mitten in der Nacht machen wir uns auf den Weg zum Flughafen. 5:50 Uhr ist keine menschenfreundliche Zeit, um den Urlaubsflug von London nach Berlin anzutreten. Als ich ins Taxi steige, hängt mein Gefühl irgendwo zwischen Vorfreude und dem Drang, sofort ins Bett zurückzukehren. Es wird noch lange nicht hell. 

Wir fliegen Norwegian Air, zum ersten Mal. Das mit dem Einchecken hat nicht geklappt, und so gehen wir zum Check-In Desk. Ganz offensichtlich hat auch die Frau am Schalter die Tagessonne noch nicht gesehen. Mürrisch blickt sie auf eine Liste, hadert mit unseren Namen und versucht uns noch irgendwo unterzubringen. Es dauert. Ist vielleicht der Flieger voll? Das kann doch nicht so kompliziert sein. Die Tickets sagen 29C und 30C. Wir sitzen nicht nebeneinander. Das ist auch ok. Wir wollen sowieso schlafen, um ausgeruht in Berlin anzukommen. 

Als wir das Flugzeug besteigen, kommen uns zwei Polizisten entgegen und geben dem Kabinenpersonal das ok. Ich frage mich kurz, was die wohl an Bord gemacht haben, habe die Frage beim Verstauen des Handkoffers aber schon wieder vergessen. Mein Mann sitzt in der zweitletzten Reihe. Alleine. Neben ihm und in der hinteren und letzten Reihe ist niemand. Es ist uns ein Rätsel, warum die Frau am Schalter uns nicht zusammen gesetzt hat, aber eigentlich ist auch diese Frage müssig, wir sind einfach müde. Ich schaue auf die Uhr. In 15 Minuten sollte der Flieger loslegen.

Ein Mann kommt herein. Er trägt ein Jacket und einen Badge um den Hals. Er lehnt sich zu meinem Mann. Er sagt irgendwas von Lärm, aber dass das dann vorübergehe. Hat Norwegian Air besonders lärmige Flieger? Ist etwas kaputt? Oder weil wir ganz hinten sitzen? Wird wohl nichts mit Schlafen. Ich drehe mich wieder nach vorne und studiere das Bordmagazin. 

"Wir transportieren Häftlinge", hat der Mann mit dem Badge zu meinem Mann gesagt. Das Paar neben mir wundert sich: "Dürfen sie das, Häftlinge einfach so auf einem Linienflug transportieren? Was haben die wohl gemacht? Sitzen wir mit dem Rücken zu einem Mörder?" Wir werden gewarnt, dass sich die Häftlinge sehr laut wehren und schreien werden, aber dass sich das während dem Flug beruhigen wird. Kurz darauf erscheint ein anderer Mann. Er sagt good morning und zückt einen Badge: "I am from the Home Office. We are transporting illegal refugees back to Germany today." Illegale Flüchtlinge also, da haben wir das Verbrechen der 'Häftlinge'. Der Mann vom Home Office (das britische Innenministerium) fährt weiter: "Das sind zwei Männer, einer aus Syrien und einer aus dem Irak, die wir nach Deutschland zurückbringen. Sie werden sich wehren und sehr viel Lärm machen, sich erfahrungsgemäss aber kurz nach Abflug beruhigen." Mir fällt das Herz in die Hosen. Die Gesichter um mich herum werden bleich. 

Fünf Minuten später werden die beiden Männer ins Flugzeug geführt. Der Mann vom Home Office hat nicht übertrieben. Die Flüchtlinge werden von je drei starken Menschen begleitet. Obwohl, nein, sie werden nicht begleitet, sie werden ins Flugzeug geschleppt, gehievt, gezwungen. Und sie schreien wie am Spiess: "Please people, help! Me no go Germany, please, no go Germany! Please people help!" Durch das ganze Flugzeug schallen die Schreie. Die Männer werden in ihre Sitze gedrückt und festgezurrt. Meine Knie sind weich und ich kann meinen Herzschlag durch den Pullover sehen. Die junge Frau neben mir bricht in Tränen aus. Wir sind alle sprachlos. Irritiert frage ich den Mann vom Home Office: "Bringen Sie die Männer nach Syrien und Irak zurück?" - "Nein, das sind anerkannte Flüchtlinge in Deutschland. Da sind sie freie Männer."

Nur, die Männer wollen in England bleiben. "Das kostet den Steuerzahler £20'000 pro Jahr", sagt der Mann vom Home Office. "Die müssen halt besser zu den Flüchtlingen schauen, da drüben in Deutschland, dann wollen sie auch wieder zurück", sagt der Mann vom Home Office. Er meint das wirklich. Dass Grossbritannien eine kleine Anzahl von 20'000 Flüchtlingen über 5 Jahre aufnimmt, während Deutschland innert kürzester Zeit weit über eine Million Neuankömmlinge aus Krisengebieten aufgenommen hat und nun deren Status prüft, das sagt der Mann vom Home Office nicht. 

Der Kapitän kommt persönlich vorbei und fragt uns, ob wir Kaffee oder Tee wollen, aufs Haus. "Wir wollen keinen Tee, wir wollen eine menschlichere Asylpolitik in Grossbritannien", sage ich hilflos. Was soll man sonst sagen. Der Kapitän zuckt nur mit den Schulten.

"Die Rückführungsflüge finden immer am Morgen früh statt. Auf der ersten Norwegian Air Maschine am Montag morgen sind immer Häftlinge", sagt einer der Begleitmänner. "Manchmal machen wir auch Charter Flüge. Pro Woche werden 20-30 illegale Flüchtlinge nach Deutschland rückgeführt", sagt er weiter, fast stolz. Er ist Soldat, hat früher Unterwasserbomben entschärft und war in den meisten Krisengebieten dieser Welt. Er hat fast ausgedient und macht jetzt noch diesen Job, ein Kinderspiel. Easy Jet mache keine Rückführungen mehr, erzählt er weiter. Zu viele Reklamationen. Zu viele unzufriedene Fluggäste. 

Der Abflug wird von den Schreien der Männer begleitet. Als wir unsere Flughöhe erreicht haben, verstummen die Schreie. Das sei das Adrenalin, behauptet der Mann vom Home Office. Medikamentöses Ruhigstellen sei nicht erlaubt. Einzig Sicherheitsgurten und spezielle Handfesseln mit Metallknöpfen, die den Männern ins Handgelenk gedrückt werden können. 

Wir landen in Berlin. Es ist gerade hell geworden. Die Männer werden aus dem Flugzeug geschleppt. Jetzt widerstandslos, aber immer noch in Handschellen. Dann können auch wir die Maschine verlassen. Die beiden Flüchtlinge stehen vor einem Kastenwagen, barfuss auf dem kalten Asphalt. Einer der Männer hat ganz geschwollene und rote Handgelenke von den Metallknöpfen.

Ihr Leben in Deutschland beginnt, und unser Urlaub auch. 

Wir besuchen die Atombunker des Kalten Krieges und das Stasi Museum. Die Geschichte Berlins ist die Geschichte Europas ist unsere Geschichte. Sie hat uns auf dem Hinflug schon eingeholt. 

Vier Tage später sitzen wir wieder im Flugzeug. Diesmal fliegen keine Flüchtlinge mit. 





Donnerstag, 8. September 2016

Und vergib mir meine Sünden...



Sobald mal als Pfarrerin das Wort 'Sünde' sagt, begibt man sich auf Glatteis. Es gibt wohl kaum einen anderen Begriff, der im kollektiven Gedächtnis so grossen Schaden hinterlassen hat. 



Warum ist das so? Jahrhundertelang hat die Kirche den Sündenbegriff als Machtinstrument missbraucht, um die Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen (das Fegefeuer droht!) und so an sich zu binden. Denn nur der geweihte Priester konnte den Sünder frei sprechen. In vielen Kirchen hat sich das geändert. Die Reformatoren haben sich im 16. Jahrhundert dagegen aufgelehnt und gesagt: wir Gläubigen brauchen keine Priester, die zwischen uns und Gott vermitteln. Wir können diese Beziehung direkt pflegen, und also auch direkt um Vergebung bitten. 



Doch nicht nur das hierarchische Gehabe der Kirche hat dem Sündenbegriff Schaden zugefügt. Die Sünde wurde aufs engste mit Körperlichkeit und Sexualität verknüpft und hat uns Menschen in der Folge von uns selber entfernt und grosses Leiden verursacht. Wir sind nicht nur Geist. Wir sind auch Körper, und wir sind nur dann frei, wenn sich Körper und Geist gleichermassen entfalten können. Ein einfaches Beispiel: Wenn's bei mir im Oberstübchen klemmt, dann muss ich rennen gehen, um den Geist wieder ins Laufen zu bringen. Die Einschränkung der Bewegungsfreiheit geht an die Seele. 

Die Unterdrückung der menschlichen Sexualität hat ein tiefes Trauma ausgelöst, aus dem wir uns nur allmählich lösen. Doch immer noch lauern Kirchen an allen Ecken, die die alte Leier spielen, sowohl traditionelle Kirchen wie auch neue Kirchen im poppigen Gewand: Sex vor der Ehe, Masturbation, Sinnlichkeit, Familienplanung, gleichgeschlechtlicher Sex - alles Sünden, die uns von Gott trennen. Dieses moralisierende Sündenverständnis hat ein weiteres Problem: es reduziert die Beziehung des Gläubigen zu Gott auf eine sehr individuelle Angelegenheit. Wenn ich einem einfachen Rezept, quasi einer klar definierten To Do Liste folge, dann bin ich im Reinen mit Gott und der Welt. Doch die Welt, wie wir sie jeden Tag erfahren, ist so viel komplexer, so viel komplizierter, und ob wir das wollen oder nicht: wir sind Teil von diesem grösseren Ganzen, das unsere Ego-Beziehung mit Gott bei Weitem überschreitet.

Für viele ist die Sünde passe, und wenn sie überhaupt noch vorkommt, dann ganz trivial. Schokoladenmarken werben mit dem Sündenbegriff ebenso wie Jeansmarken und Restaurantketten. In London gibt es ein asiatisches Nudelrestaurant namens 'SIN'. Das steht für 'Salvation in Noodles'. (Sehr empfehlenswert übrigens!) Wir lachen über die Sünde und verbannen sie ins Reich der Phantasie. Die Sünde hindert uns, unser Leben frei und glücklich zu leben.
  
Ich sage: wir brauchen das Sündenbekenntnis mehr denn je. Nicht die Trivialisierung oder die Moralisierung der Sünde führen zur Freiheit, sondern das Bekenntnis zu unserer Sündhaftigkeit.

Sünde und Freiheit- wie geht das? 

In unserer Gesellschaft haben sich zahlreiche neue Religionen breit gemacht. Der Weg zu Glück und Erlösung führen über die richtige Ernährung, die neusten Modetrends, exzessiven Sport, Meditation und Positive Thinking... (die übrigens alle durchaus auch eine Rolle in meinem Leben spielen, wenn auch nicht exzessiv). Wir sehnen uns nach Erlösung von dem, was uns belastet und von dem, was das Leben uns oft ungefragt in den Weg wirft. Wir wollen vergessen, überwinden, rein sein. Wir wollen Erlösung vom Gefühl der Lebenslast. Viele neo-spirituelle und trendig-religiöse Angebote versprechen genau dies: wenn man alles richtig macht, dann kann man quasi per sofort rein sein und super-glücklich. Die Wahl ist gross. Und der Druck auch. Welche ist denn nun die richtige Wahl? Was muss ich tun, damit auch ich mich von allem Unangenehmen abheben kann? 

Die Grundannahme, dass wir uns den Zustand des Erlöstseins aktiv erarbeiten können, macht uns unfrei und ist oft egoistisch. Die einen wollen einen möglichst körperfreien Zustand erreichen, die anderen sind auf ihren Körper fixiert und vergessen darüber den Geist. Schon kurz nach der Reformation hat sich dieser Krampf breit gemacht, als man dachte, dass ein fleissiger und arbeitsamer Lebensstil gottgefällig ist. Denn wenn der Priester nicht vermittelt, dann muss man halt selber an diese Sache ran. Mit viel Arbeit. Die protestantische Arbeitsethik hat sich blitzeschnell in unserer Gesellschaft breit gemacht und hockt uns heute noch im Nacken.

Also was jetzt?

Stehen wir doch einfach einmal hin und sagen laut: ich bin eine Sünderin! Oder auf modern: ich verbock's immer wieder! 

Es gibt zwei Arten von verbocken, oder sündigen. Einerseits ist da die individuelle Sünde. Beispiel: ich sage zu einem geliebten Menschen im Affekt etwas, von dem ich weiss, dass es ihn verletzt. Ich sage es trotzdem. Dann gibt es andererseits die strukturelle Sünde. Beispiel: als weisser Mensch bin ich verstrickt in die Geschichte der Versklavung schwarzer Menschen und die traumatischen Konsequenzen, die über Generationen weiter getragen werden, und das obwohl die Sklaverei bei meiner Geburt gar nicht mehr existiert hat. 

Ich bin mit mir selber, mit meinem persönlichen Umfeld, mit der Nachbarschaft, Gesellschaft und der ganzen Menschheit eng verknüpft und alle meine Handlungen und Gedanken haben Konsequenzen, gute wie schlechte. Ich kann mich daraus gar nicht erlösen. Ich kann mich höchstens daraus weg wünschen und meine Verantwortung in der Schöpfung ignorieren. Oder ich kann hinstehen und sagen: ja, ich bin Mensch, und ja, ich verbock's. In der Kirche wird diese Einsicht mit der Taufe zum Ausdruck gebracht.

Jesus hat sich taufen lassen. Warum eigentlich? Ist nicht gerade er, der Sohn Gottes, ohne Sünde? Eben nicht, und das ist der Punkt. Jesus war Gott und Mensch, und als Mensch eben ganz und gar sündhaft. Man kann eben nicht Mensch sein und sich aus der Schöpfungsverantwortung stehlen. Nicht mal Gott kann das.

Super, eigentlich. Einmal hinstehen, taufen lassen, Sündhaftigkeit eingestehen, Vergebung empfangen und aus die Maus. Aber so einfach ist es eben nicht. Das Hinstehen und der Ausruf: ich bin Snder! ist an zwei Bedingung geknüpft: erstens, dass wir einsichtig bleiben und die Vergebung immer wieder suchen, ein Leben lang, und zwar auf allen Ebenen: bei den Mitmenschen und der ganzen Menschheit, die man verletzt, gewollt oder ungewollt. Bei sich selber, dafür, dass wir uns oft so verrennen und wir so fürchterlich streng mit uns selber sind, perfekt sein wollen und unsere eigenen Grenzen nicht anerkennen. Und ganz bestimmt bei Gott, Urgrund des Lebens auf dem wir alle stehen und Quelle aller Vergebung, auch dort, wo unsere eigene nicht hin reicht. Und zweitens, dass wir das Zugeständnis der Vergebung als Kraftquelle nutzen um zu ändern, was wir ändern köönnen, wohlwissend, dass es nie reichen wird, und trotzdem die Hoffnung auf Gerechtigkeit nie aufgeben. 

Wir müssen nicht perfekt sein. Wir müssen einfach dran bleiben. Mit Geist, Körper und Seele.