Montag, 11. Mai 2015

Importgut Hoffnung

Die Menschen aus Afrika und Asien, die sich auf den gefährlichen Weg übers Mittelmeer oder über die grüne Grenze nach Europa machen, bringen etwas mit, was uns in Europa schon lange abhanden gekommen ist. Dieses Gut ist stärker als jede Küstenwache, entbehrt öfters mal jeglicher Vernunft und ist dazu noch kostenlos:

Hoffnung

Laut Wikipedia ist Hoffnung "eine zuversichtliche innerliche Ausrichtung, gepaart mit einer positiven Erwartungs­haltung, dass etwas Wünschenswertes in der Zukunft eintritt, ohne dass wirkliche Gewissheit darüber besteht."

Europa hat sich vom Prinzip Hoffnung entfremdet. Wir befinden uns in einer Abwärtsspirale der Resignation, die in einer tiefen Verlustangst wurzelt. Auch wenn wir es noch nicht so richtig wahrhaben wollen, so wissen wir doch, dass Europa der 'alte Kontinent' ist und wir in Zukunft nicht mehr so viel zu sagen haben werden, wie wir das gewohnt sind. Die Resignation geht schon so weit, dass wir die uns einst vereinende Hoffnung zu verhandeln bereit sind: das Ideal universell gültiger Menschenrechte. Hoffnung - das ist höchstens noch etwas für illusionäre Weltverbesserer und gottesgläubige Menschen, die sowieso nicht so recht ins Schema der Vernunft passen. Die Vernunft beschränkt sich auf das Beobacht- und Erklärbare und macht eben gerade da Halt, wo die Hoffnung erst richtig in Schwung kommt: im Bereich des Ungewissen. Wenn man Europa ganz vernünftig betrachtet, dann kann einem wirklich Schmuch werden. Wir haben eigentlich vor allem viel zu verlieren, als Kontinent ebenso wie als Individuen. Das Wirtschaftswachstum stagniert, prekäre Lebenssituationen sind für die Mehrheit Standard, und die Zukunft im internationalen Kräftemessen sieht für Europa nun mal wirklich nicht rosig aus. Wir sind deprimiert.

Doch es gibt auch in Europa diese Orte der Hoffnung, und zwar da, wo schon fast gar nichts mehr geht. Diese Tage muss die griechische Regierung entscheiden, ob sie dem Druck der Gläubiger nachgibt, oder an ihrem Wahlversprechen festhält, sich von der Troika nicht in die Knie zwingen zu lassen. Gerade da, wo die Situation ausweglos erscheint, wächst etwas Neues. Selbstversorger-Komunen nehmen stetig zu. Lehrer, Forscherinnen, Arbeiter und Künstlerinnen schliessen sich zusammen, um ein selbstversorgerisches Leben zu führen, das die Abhängigkeit von den anstehenden politischen Entscheiden dämpft. Prinzip Hoffnung.

Und dann sind da eben diese Menschen, die zu tausenden auf der kleinen Insel Lampedusa, auf Malta und in Griechenland regelrecht angeschwemmt werden. Diese Menschen lassen sich weder von migrationspolitischen Gesetzesdebatten oder nationalen Souveränitätsansprüchen noch vom fatalen Abbruch des Rettungsprogramms Mare Nostrum beeindrucken. Sie haben in Hülle und Fülle das eine Gut, das sie nach Europa bringt: Hoffnung. Sie bringen das wichtigste Importgut nach Europa, das entscheidende Element, das uns fehlt, und wir nehmen es nicht einmal wahr.

Die Hoffnung auf gutes Leben übersteigt die Todesangst bei weitem. In den überfüllten Auffanglager in Libyen zu bleiben, wo Hunger und Gewalt herrschen, ist keine Option. Zurück ins Heimatland ist auch kaum eine Option. Die Rückfahrt ist zu teuer, die meisten Botschaften afrikanischer Länder in Tripolis sind geschlossen, und Flüchtlinge aus Eritrea werden von ihrem eigenen Staat nach der Flucht sogar als Verbrecher behandelt. Also gibt es nur die gefährliche Flucht nach vorne.

Für Europa gibt es zwei Auswege:

Entweder geben wir uns ganz dem Sog der Verlustangst hin, bauen Zäune und Grenzen, um uns noch ein bisschen unsere Scheinsouveränität und -sicherheit zu bewahren. Auf diesem Weg verkrampft sich Europa in der Hoffnungslosigkeit und wird für immer die Schuld tragen an einer der grössten humanitären Katastrophen des 21. Jahrhunderts. Wo keine Hoffnung ist, ist auch keine Zukunft.

Oder wir geben uns der Hoffnung hin, die gratis und chaotisch jeden Tag auf unseren Kontinent gelangt, lassen uns davon mitziehen und setzen diese positive Grundhaltung konstruktiv ein. Nur wo Hoffnung ist, ist auch Wachstum. Hoffnung ist das wichtigste Importgut für Europa. Die Hoffnungsmenschen werden unseren Kontinent radikal verändern, das ist gar keine Frage, und die Veränderung birgt grosse Ungewissheit. Aber genau in dieser Ungewissheit werden die zarten Pflanzen der Hoffnung wachsen.

 

Freitag, 27. März 2015

Das ist doch alles gar nicht wahr!

Latest News:

"Das Grab Jesu war nicht leer. Neuesten Forschungen zufolge haben Maria und Maria das falsche Grab aufgesucht. Archäologische Untersuchungen haben ergeben, dass sich das originale Steingrab Jesu circa 200 Meter entfernt von der Grabstelle befindet, die über 2000 Jahre lang als das Grab Jesu gegolten hat. Im originalen Grab wurden die Überreste eines verwesten Leichnams gefunden, der mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit derjenige Jesu ist. Es zeigen sich eindeutige genetische Übereinstimmungen mit dem einzigen legitimen Nachfolger des Mannes von Nazareth, dem Papst in Rom. Ein Irrtum kann deshalb quasi ausgeschlossen werden. Jesus ist nicht auferstanden. Diese Nachricht kommt als Schock für Millionen von Christen und Christinnen, deren zentraler Glaubensinhalt die physische Auferstehung Jesu Christi ist. Bedeutet dies das Ende des Christentums?"

Die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Auferstehung gehört zum Pfarralltag wie... ja wie was eigentlich? Kommt mir jetzt grad auch nichts in den Sinn. Es gibt in diesem Beruf eigentlich nicht wirklich einen 'Alltag'. Aber das nur nebenbei. Also: die Frage nach der Auferstehung gehört zum Pfarralltag. Full Stop. Gerade um Ostern herum wird sie natürlich besonders oft gestellt. Während sich das säkulare London auf vier arbeitsfreie Tage einstellt, die viele im Vollrausch verbringen, bereiten Christen und Christinnen sich vor, um ein Ereignis zu feiern, das jeglicher Logik und Rationalität entbehrt. Tote können nicht auferstehen. Dass Millionen von Menschen sich auch im 21. Jahrhundert noch mit dieser abstrusen Idee identifizieren, ist für viele verständlicherweise unverständlich. Und trotzdem halten so viele daran fest, dass da angeblich einer den Tod überwunden hat. Wie naiv und realitätsfremd!
 
Was wäre also, wenn sich eines Tages beweisen liesse, richtig wissenschaftlich beweisen liesse, dass Jesus nicht auferstanden ist, dass das Grab nicht leer war und dass das alles nur sehnsüchtiges Wunschdenken von Menschen ist, die mit dem Tod nicht klarkommen? Ja was wäre dann?
Wenn ich eines Tages diese Schlagzeile in der Zeitung lessen würde, dann würde sich bei mir eigentlich nichts verändern. Ich würde weiter glauben, hoffen, beten. Ich würde den Artikel zur Kenntnis nehmen und dann zur Seite legen und weitermachen. Nicht der Christus-Körper steht im Zentrum der Auferstehung, sondern die Erfahrung der Jünger und Jüngerinnen, die ihren toten Freund ganz real wieder gesehen haben. Trotz seines Todes war seine Präsenz so real erfahrbar, dass die Jünger und Jüngerinnen einfach weitergemacht haben. Sie haben weiterhin geglaubt, dass die Menschen am Rande der Gesellschaft Zentrum der göttlichen Schöpfung sind. Sie haben weiterhin geglaubt, dass Männer und Frauen gleichwertig sind. Sie haben weiterhin an Gerechtigkeit geglaubt, und an das Ausbrechen aus der Unterdrückung. Sie haben einfach weiter geglaubt, weil sie auf irgendeine Art und Weise die Präsenz des Gottessohnes nach seinem Tode erfahren haben. Wunder oder Wahnsinn? Wer weiss das schon!
Einfach weitermachen und weiterglauben, trotz aller Widerstände und Verzweiflung: genau das brauchen wir so dringend. Denn wer hat bei all der Brutalität und Sinnlosigkeit nicht schon ans Aufgeben gedacht! Das hat doch alles keinen Sinn. Die Menschen schlachten sich gegenseitig ab, foltern, morden, vergewaltigen, missbrauchen. Es wäre so einfach, nicht mehr ans Gute im Menschen zu glauben. Doch gerade angesichts des Todes und des Elends  müssen wir unbedingt trotzdem weitermachen und weiterglauben. Das können wir von den irrationalen Jünger und Jüngerinnen lernen. Einfach trotzdem weitermachen. Denn die reale Präsenz des Guten lässt sich in unserem Alltag immer wieder erfahren.
So einfach ist das also? Nein. So einfach ist das eben nicht. Die Jünger und Jüngerinnen, die das leere Grab und dann den auferstandenen Christus zuerst gesehen haben, haben es ja auch nicht geglaubt, haben gezweifelt und gerungen. Thomas musste erst ganz real die Wunden Jesu sehen, bevor er glauben konnte. Wie wir wollte auch er Beweise. Aber die gibt es nicht, oder zumindest nicht immer. Manchmal muss man ohne Beweise auskommen, um an das Gute und an das Leben zu glauben.
Würden die Überreste des Leichnams Jesu also gefunden werden, so what? Ich glaube weiter.
Frohe Ostern!




Freitag, 20. März 2015

Der Mann von der Strasse

Es ist zwei nach elf. Gerade greift der Organist zum ersten Akkord, als ich in der offenen Kirchentüre eine Gestalt erblicke. Der hagere Mann steht unsicher da und denkt sich wahrscheinlich: "Soll ich oder soll ich nicht?" Die schmutzigen Kleider hängen an seinem Körper. In seiner rechten Hand hält er eine Carlsberg Bierdose. Fast ein bisschen wie Jesus, minus die Bierdose. Ich gehe den Gang hinuter auf ihn zu und frage: "Do you want to join us for the service?" - "Yes" - "Come on in then, have a seat. You can leave your beer can on the coffee table and collect it after the service." Das macht er, und ich führe ihn zu den Stühlen. Er setzt sich neben Dorothea (Name geändert), eines unserer ältesten Kirchenmitglieder. Ob das nur gut kommt, denke ich mir noch, doch ich bin nun dran und lasse der Sache ihren Lauf. Ich begrüsse die Gemeinde und stelle dabei fest, dass sich Dorothea freundlich um den Mann kümmert, ihn begrüsst und unsere drei Liederbüchlein in die Hand drückt, die er sogleich sorgfältig studiert.

Der Gottesdienst beginnt mit einem stillen Gebet. In zwei Töpfen sind Domino-Steine, schwarze in einem, weisse im anderen. Wer will, kann nach vorne kommen und Steine auf ein Tuch legen: einen schwarzen für Dinge, die in der letzten Woche nicht so gut liefen, Frustrationen, Konflikte oder Enttäuschungen; einen weissen für die Dinge, die gut liefen und für die wir dankbar sind. Es kommt Bewegung in die Gemeinde und wir bringen Klage und Freude im stillen Gebet vor Gott. So auch der Mann von der Strasse. Er legt einen weissen und einen schwarzen Stein hin. Was er wohl erlebt hat? Dann geht er, statt an seinen Platz zurück, ins Foyer. Auf einen Schluck Bier.

Es ist Muttertag in England, und ich erzähle die Geschichte von den zwei ungleichen Müttern Hagar und Sara. Zur Einleitung rede ich vom Nomadenleben, und wie Abraham und Sara mit ihrem ganzen Haushalt von Ort zu Ort zogen. "Es gibt auch heute noch Menschen, die als Nomaden leben. Hat jemand ein Beispiel?" frage ich. Der Mann von der Strasse streckt auf und gibt eine Antwort. Ich verstehe ihn nicht. Keiner versteht ihn. Schliesslich gehe ich zu ihm hin, aber auch ganz nahe dran kann ich seine Worte nicht verstehen. Ich gehe zurück zum Mikrofon und sage: "Ja, auch Menschen hier in unserer Stadt sind Nomaden. Sie haben keinen festen Ort zum Leben und ziehen von Ort zu Ort." Der Mann von der Strasse nickt. Meine Intuition hat ins Schwarze getroffen. Dann steht er auf. Es ist wieder Zeit für einen Schluck Bier. Wieder zurück auf seinem Stuhl, hört er aufmerksam der Predigt zu, steht mittendrin nochmals auf und macht eine Runde durch die Kirche. Ruhig schaut er sich die alten Gedenktafeln an.

Während dem Orgel Zwischenspiel ist dann genug. Er steht auf, schnappt sich sein Bier und geht.

Am Nachmittag sage ich zu meinem Partner: "Als er rein kam und er sich neben Dorothea setzte, dachte ich nur: hoffentlich geht das gut und sie fühlt sich nicht gestört von ihm." Er erwidert: "Weisst du, ich denke wir unterschätzen oftmals die alten Menschen. Bei all dem, was die in ihrem Leben schon erfahren haben, braucht es wohl ein bisschen mehr, um sie aus der Fassung zu bringen." Sehr wahr. Dorothea hatte als Mädchen während der Bombardierung Londons im U-Bahn Schacht geschlafen. Da wird sie sich von einem Mann von der Strasse mit fleckigen Kleidern und einer Bierdose in der Hand ja wohl nicht aus dem Konzept bringen lassen. Hat sie ja auch nicht.
 
 
 
 

Samstag, 3. Januar 2015

Tod und Leben

Die Angst vor dem Tod begleitet mich, seit ich denken kann. Schon als Jugendliche habe ich oft über den Tod nach gedacht und mir überlegt, wie das wohl ist, wenn man stirbt und was uns auf der anderen Seite des Lebens erwartet. Eine Antwort auf diese Fragen habe ich auch heute als Pfarrerin nicht. Ich erwarte aber auch nicht, eine zu finden. Bei Abdankungen sage ich das auch so: "Wir wissen nicht, was uns auf der anderen Seite erwartet und wo XY jetzt ist." Das schätzen viele Trauernde, denn die Ungewissheit lässt sich letztendlich mit keinem theologischen Gedankenspiel weg reden. Ich kann mir nur vorstellen, dass es so ist, wie vor der Geburt, und darüber können wir Lebenden ja nur eines sagen: nichts. Als Jugendliche habe ich gehofft, dass der Tod irgendwann dann mal ganz plötzlich und schmerzfrei eintritt. Heute erhoffe ich mir etwas Vorlaufzeit, nicht zu schmerzhaft, wenn möglich.

Viele Menschen denken, dass man als Pfarrerin einen mehr oder weniger versöhnten Umgang mit dem Tod pflegt. Das geht mir nicht so. Die Tatsache, dass wir alle irgendwann tot umfallen oder langsam in den Tod hinüber gleiten, erschüttert mich zutiefst. Dass wir nicht wissen, wann der Tod eintrifft, macht das Ganze nicht besser. Der Tod ist ständiger Begleiter des Lebens, vom Moment unserer Geburt. Oft höre ich ältere Menschen fast entschuldigend sagen: "Wenn man alt wird, macht man sich halt Gedanken zum Tod", als ob das ein Verbrechen wäre. Wenn es aber überhaupt ein Verbrechen in Sachen Tod gibt, dann doch, dass wir in jungen Jahren den Tod leichtfertig ausblenden und unsere Jungen nicht dazu ermuntern, sich damit auseinander zu setzen. Eher sagt man dann: "Du bist doch noch viel zu jung, um dir darüber Gedanken zu machen." Die Wahrscheinlichkeit, dass der Tod bald eintritt, ist im Alter zwar höher. Aber er geht genauso neben den Kindern, Jugendlichen und Mittelalterlichen her. Ich habe einmal eine Frau Mitte sechzig begleitet, die ihren Ehemann ganz plötzlich verloren hat. Die tiefe Erschütterung war dadurch noch verstärkt, da sie sich in ihrem ganzen Leben noch nie Gedanken zum Tod gemacht hatte. Der Tod kam buchstäblich un-bedacht, ahnungslos,  aus heiterem Himmel, platzte mit unvorstellbarer Brutalität ins Leben hinein. Entsprechend herausfordernd war dann auch der Umgang mit diesem plötzlichen Tod und war nur mit teilweiser Weitertabuisierung des Erlebten möglich.

Das Bewusstsein, dass wir nur ein Leben haben und dieses auf eine uns unbekannte Zeit beschränkt ist, gibt uns die Radikalität, mutig und aufgeschlossen zu leben, und unseren Mitmenschen Gutes zu tun. Die Auseinandersetzung mit dem Tod befreit uns zu Zuneigung und Mitgefühl. Sie befreit uns zum Hier und Jetzt. Die Gegenwart ist unser Handlungsspielraum, der einzige den wir haben. In der Gegenwart stellen wir die Weichen für das Morgen. Die Vorstellung, dass es uns dann vielleicht schon nicht mehr gibt, veranlasst uns dazu, Dinge anzupacken und öfters unsere Zuneigung zum Ausdruck zu bringen. Denn vielleicht können wir schon morgen nicht mehr "Ich liebe dich" sagen. Ja zur Liebe zu sagen, bedeutet Ja zu den Tränen des Abschieds zu sagen. Vielleicht fällt es deshalb so vielen Menschen schwer, sich auf die Liebe einzulassen (und damit meine ich nicht nur die romantische Paarliebe, sondern die Liebe zu unseren Nächsten ganz allgemein, zu den Eltern, Kindern und Freunden), weil wir bewusst oder unbewusst alle wissen: am Ende stehen immer die Tränen des Abschieds.

Befreiend wirkt die Auseinandersetzung mit dem Tod allerdings nur, wenn wir mit anderen offen darüber reden können, um die damit einhergehende Angst und den Schmerz zu teilen und gemeinsam auszuhalten. Während meines Studiums sass ich oft mit meiner sehr guten Freundin zusammen und wir haben uns stundenlang über Gott und die Welt, das Leben und den Tod unterhalten. Meine Freundin prägte den Satz: "Der Tod ist die Verarschung des Lebens." Darauf haben wir jeweils mit einem Bierfläschchen angestossen, die Musik aufgedreht und getanzt. Man erwartet von Theologinnen wahrscheinlich eine gewandtere Redeweise - aber auch uns bleibt zuletzt nur das Tanzen. (Pardon, Herr Calvin!)

Geschieht die Auseinandersetzung mit dem Tod nicht konstruktiv und offen, dann kann uns der Tod schon zu Lebzeiten lähmen. Wir handeln dann aus Angst oder gar nicht. Viele unserer Handlungen sind aus Angst geleitet. Man höre sich nur einmal die Reden unserer PolitikerInnen an. Heute wird hauptsächlich aus Angst politisiert und im gleichen Atemzug die Angst der Zuhörenden geschürt. Hinter der Angst vor dem Fremden, vor zu wenig Raum und zu wenig Ressourcen steckt ultimativ die Angst vor dem eigenen Tod. Würden wir gemeinsam dieser Angst ins Auge schauen und uns ihr stellen, dann könnten wir den Lebensraum und die verbleibenden Ressourcen mit allen teilen, statt sie krampfhaft an uns zu reissen, um unserer eigene Haut zu retten. Aber verrecken, das sollen die anderen. Wir wollen leben, um jeden Preis und über Leichen hinweg. Die unreflektierte Angst vor dem Tod steht der Gerechtigkeit Gottes im Wege, zu deren Umsetzung wir berufen sind.

In den Schweizer Alpen gibt es eine Sagengestalt, das Toggeli. Das Toggeli verhält sich gegenüber Menschen und Vieh bösartig und aggressiv. Es setzt sich dem Menschen auf die Brust, bis er nicht mehr atmen kann. Das Toggeli kommt manchmal auch hier in London vorbei, und es hockt gerade jetzt auf meiner Brust, wie ich diesen Blog schreibe. Das Toggeli ist ein fieser Zeitgenosse. Aber wenn es wieder weg ist, dann atme ich umso freier, weil ich weiss: jetzt darf ich leben, und ich bin zutiefst dankbar dafür.

Montag, 10. November 2014

Ist Prostitution ein notwendiges Übel?

Prostitution hat nicht in erster Linie mit Sex zu tun, sondern mit Käuflichkeit und Macht. Prostitution ist den Regeln des Marktes unterworfen: Nachfrage und Angebot. Prostitution ist eine weltweite Industrie, die Menschenhandel und Sklaverei fördert und bis weit in unsere Machtzentren hineinreicht. Sie beruht nicht auf Freiwilligkeit (obwohl auch hier die Einzelfälle die Regel bestätigen mögen), sondern auf Not und finanzieller und seelischer Ausbeutung. Solange es diese Industrie gibt, müssen die Frauen, die sich prostituieren, mit allen Mitteln geschützt und entkriminalisiert werden, damit sie die Chance zum Ausstieg und auf ein menschenwürdiges Leben haben. Aber es muss diese Industrie nicht geben. Eine andere Welt ist möglich, und ich bin deshalb davon überzeugt, weil ich weiss, dass Männer nicht per naturam 'so sind'. Das ist Quatsch. Noch vor wenigen Jahrzehnten waren Frauen allen möglichen Geschlechterclichés unterworfen. Aber gesellschaftliche Reformen im Zuge der feministischen Bewegung haben gezeigt, dass Frauen nicht 'so sind'.

Ein Mann, der Frauen und sich selber wertschätzt, geht nicht zu Prostituierten, sondern befriedigt seinen sexuellen Drang anderweitig. Dazu braucht es nicht mal unbedingt eine Sexualpartnerin. Prostitution geht weit  über sexuelle Befriedigung hinaus. Hier geht es um Macht und Geld. Der Körper wird zur Ware degradiert und entbehrt jeglicher Menschlichkeit. Dass dies nicht einfach die Meinung einer Frau ist, zeigt die Aktion 'Männer gegen Prostitution' des internationalen Netzwerks 'Zeromacho'. Fast 2800 Männer aus 56 Ländern haben das Manifest mittlerweile unterschrieben. Sie wehren sich gegen diese 'extreme Form von Machismus' und gegen das damit verbundene Männerbild. Die selbstbewussten Männner lassen sich für die Aktion mit einem Schild "Fier de ne pas être client" ablichten. Einer der Protagonisten der Bewegung, Hans Broich, hat sich sogar für die Titelgeschichte der letzten EMMA fotografieren und interviewen lassen - mit der Unterstützung seiner Freundin, aber gegen den Ratschlag seines Vaters (das schade seinem Image). Auf die Frage, ob er sich nie überlegt habe, mal in ein Puff zu gehen, antwortet er: "Nein! Das ware für mich nie in Frage gekommen. Ich würde mich zu Tode schämen. Ich möchte keinem Menschen auf diese Weise begegnen." (EMMA Mai/Juni 2014) Ich vermute, dass viele der unterzeichnenden Männer keine Christen sind, und doch scheint mir, dass hier weit mehr am Gottesreich auf Erden gebaut wird, als in vielen christlichen Reihen, wo man vor weltlichen 'Tatsachen' kapituliert.

(Wer das Manifest unterzeichnen will: http://zeromacho.wordpress.com/le-manifeste_de/)

Bereits für Apostel Paulus ist der menschliche sexuelle Drang ein Thema (wie so oft auch hier auf Männer beschränkt). Er empfiehlt zwei aus seiner Sicht moralisch einwandfreie Lebensmodelle (siehe 1 Korinther 7). In Paulus' idealen Welt würden alle Männer alleine leben und ihren sexuellen Drang kontrollieren, damit sie sich auf das Wesentliche konzentrieren können, nämlich auf die Beziehung zu Gott und auf das Gemeindeleben. Weil Paulus aber weiss, dass Selbstdisziplin nicht allen Männern gegeben ist, empfiehlt er die Ehe als Alternative zum zölibatären Leben. Es sei besser, seine Schwäche anzuerkennen und Sexualität in einer Partnerschaft auszuleben, als sich einem unlauteren Lebensstil hinzugeben. Nach Paulus ist Sexualität eng mit Partnerschaft, Gegenseitigkeit und Respekt verbunden, auch wenn er hierbei etwas über das Ziel hinausschiesst, wenn er sagt: "Die Frau verfügt nicht selbst über ihren Leib, sondern der Mann; gleicherweise verfügt aber auch der Mann nicht selbst über seinen Leib, sondern die Frau." Paulus' moralisierendes und heterozentrisches Bild von Ehe hat viel Schaden angerichtet, und wir haben uns erst gerade auf den Weg gemacht, die Wunden zu heilen. Nichtsdestotrotz zeigt Paulus hier klar Haltung, und ich denke es geht nicht zu weit zu vermuten, dass sich Paulus im Korintherbrief auch gegen Prostitution als sexuelles Notventil richtet.

Frühchristliche historische Quellen berichten von brutaler mönchischer Selbstkasteiung. Die Mönche haben sich in der Nacht im Schnee gewälzt und sich selbst blutig geschlagen. Die Unterdrückung von Sexualität führt zu Gewalt, entweder gegen andere oder gegen sich selbst. Für viele Kirchen ist die Befriedigung sexueller Bedürfnisse bis heute nur innerhalb einer heterosexuellen Ehe moralisch vertretbar. Ausserehelicher und gleichgeschlechtlicher Sex sind genauso ein Tabu wie Selbstbefriedigung und es wird mit nichts geringerem als mit dem ewigen Fegefeuer gedroht. Die daraus resultierende Frustration kann sich nur in Gewalt entladen: entweder gegen andere oder gegen sich selbst, wie die mönchischen Quellen zeigen. Prostitution befriedigt nicht in erster Linie das Bedürfnis nach Sex, sondern das Bedürfnis, die Macht über den eigenen Körper zurückzugewinnen - durch die Ermächtigung über einen anderen Körper.

Wenn es um Prostitution geht, spricht man sofort von frustrierter männlicher Sexualität. Das soll als Grund herhalten, Prostitution zu rechtfertigen. Aber wie ist das eigentlich mit frustrierter weiblicher Sexualität? Darüber wird kaum geredet. Frauenlust und -körperlichkeit sind unangenehm (siehe auch meinen Blogeintrag 'Blutige Tatsachen') und werden bis heute von vielen Kirchen gnadenlos unterdrückt. Obwohl es Männer in der Prostitution gibt und auch Frauen Sex kaufen, und obwohl es dabei genauso sehr um Macht und Ausbeutung geht wie andersrum, so gibt es doch einen relevanten Unterschied: es hat sich nie eine Industrie herausgebildet, die das männliche Geschlecht systematisch zum Gegenstand degradiert, und das obwohl die weibliche Sexualität ungleich stärker unterdrückt wurde (und immer noch wird). Warum ist das so? Weil Frauen ihre aus Frustration und Abwertung resultierende Aggression eher gegen sich selber richten. Und weil es tief im gesellschaftlichen Unterbewusstsein verankert ist, dass Frauen das käufliche Geschlecht sind.

Hinter der Rechtfertigung von Prostitution steckt oftmals ein negatives Männerbild und die Kapitulation vor sogenannten 'Tatsachen'. Man wirft einer Feministin gerne vor, Männerfeindin zu sein. Ich habe das selber schon oft gehört. Es ist genau andersrum: ich liebe Männer, aus dem einfachen Grund, weil ich Menschen liebe und an das Gute in jedem glaube. Die nigerianisch-amerikanische Feministin Chimamanda Ngozi Adiche kennt diesen Vorwurf auch, und nennt sich deshalb: "Happy African Feminist Who Does Not Hate Men". Ja, ich liebe die Männer so sehr, dass in Rage gerate, wenn behauptet wird, dass Männer die Prostitutionsindustrie bräuchten, um natürliche Triebe zu befriedigen. So ähnlich hatte sich kürzlich der Präsident des Schweizerisch Evangelischen Kirchenbundes geäussert und damit die Prostitution gerechtfertigt. Ich finde ein solches Männerbild unfair und degradierend, und ich hoffe, dass sich meine Kollegen in der Schweiz gegen diese Rhetorik wehren. Ich wehre mich mit, so wie sich viele Männer bis heute für Frauenrechte wehren. 

Der berührende Film 'Pride' erzählt vom Schicksal der Minenarbeitern in Nord-England in den Achtzigerjahre, und wie diese unerwartet (und anfänglich unerwünscht) Unterstützung der Schwulen- und Lesbenbewegung in London erhalten. Einer der Protagonisten sagt: "What's the point of supporting worker's rights, but not gay rights. Or gay rights, but not women's rights." Unterdrückung ist die Absenz von Menschlichkeit und Mitgefühl. Es geht nicht darum, wer am meisten unterdrückt wird, sondern es geht darum, DASS unterdrückt wird.

Ich wehre mich für die Gleichstellung der Geschlechter, und dazu gehört das unumstössliche Recht der Männer, ihre eigene Wahl zu treffen und sich selbst sein zu dürfen. Männer wollen weinen dürfen. Männer wollen gute Familienväter sein dürfen. Männer wollen nicht immer stark sein. Männer wollen nicht in den Krieg ziehen. Oder wie Herbert Grönemeyer singt: "Männer haben's schwer, nehmen's leicht, außen hart und innen ganz weich, werd'n als Kind schon auf Mann geeicht. Wann ist ein Mann ein Mann?"

WEIL ich Männer wertschätze, bin ich überzeugt, dass eine Welt ohne Prostitution möglich ist. Prostitution ist nicht ein notwendiges Übel, das Männer brauchen, um friedlicher zu sein, und ihre Aggressionen zu zügeln. Dass der Wirtschaftszweig Prostitution als Geschäft der Erniedrigung nach wie vor floriert, zeigt lediglich, dass wir in Sachen Gleichstellung der Geschlechter noch einen weiten Weg vor uns haben. Immerhin: wir sind auf dem Weg. Viele Männer, die ich kenne und schätze, sind zärtlich, verletzlich und nachdenklich. Sie sind so, weil ihnen zugestanden wird Mensch zu sein und weil sie einen gesunden und freien Bezug zu Frauen und zu ihrem eigenen Körper haben. Sie müssen nicht andere unterdrücken, um der Welt und sich zu beweisen, dass sie harte Kerle sind. Diese Männer wehren sich denn auch gegen Prostitution, weil sie sich nicht mit dem degradierenden Männerbild identifizieren können, das mit Prostitution verbunden ist. Sie haben den Mut, Männlichkeit neu zu definieren.

Es ist nicht naiv, sich eine Welt ohne Prostitution vorzustellen. Wenn das so wäre, dann könnte ich meinen christlichen Glauben an das Reich Gottes auf Erden allgemein aufgeben. Dazu bin ich nicht bereit. Ich bin überzeugt, dass Menschen lernen können, sich selber und andere wertzuschätzen, und dass der Wunsch nach Partnerschaft und Zuneigung in allen Menschen angelegt ist. Es fängt damit an, dass wir uns gegenseitig zugestehen, uns selber zu sein, egal ob Mann oder Frau.

Die Prostitutionsindustrie ist nicht ein notwendiges Übel. Sie ist einfach nur ein Übel. Für Frauen UND für Männer. Aber vor allem für Frauen.

Wir Kirchen müssen uns selber in die Pflicht nehmen und endlich anerkennen, dass Geschlechtergerechtigkeit nicht nur eine Nebensache ist,  die Geld kostet, sondern die Grundlage für eine gerechte und freie Welt.




Donnerstag, 11. September 2014

Gesegnet sei die Zeit...

Er erhebt seine Arme, in seinem weissen Gewand mit wunderschönen Stolen und gold-leuchtendem Schmuck um den Hals. Dann segnet er die Uhr, segnet die Zeit, die uns gegeben ist auf Erden und die guten Stunden. Die Uhr ist eine Schweizer Bahnhofsuhr. Dreitausend Stück hängen an Schweizer Bahnhöfen, in Lyssach genauso wie in Gossau und Neuchatel. Seit einigen Wochen hängt auch eine am Borough Market in London, ein beliebtes Food Paradies für Londoner und Touristen.

Während den Olympischen Spielen stand das 'House of Switzerland' gleich hinter dem Borough Market an der Themse. Sportgrössen und nicht so Grosse trafen sich und sogen die einmalige Atmosphäre der Olympischen Spiele ein. Zum Dank für die Gastfreundschaft des Borough of Southwark (also das Gemeindegebiet, das das House of Switzerland beherbergte), schenkte die Schweiz der Gemeinde eine Mondaine Bahnhofsuhr, die nun über die Zeit am Borough Market wacht. So schaffen es die Touristen auch noch rechtzeitig ins nahe gelegene Tate Modern oder auf den Zug zurück zum Flughafen.


Die Schweizer Bahnhofsuhr am Borough Market


Die Bahnhofsuhr wurde vom Schweizer Botschafter und dem Mayor of Southwark feierlich eingeweiht . Es gab Champagner, Musik von Heidi Happy (die am darauf folgenden Tag auch in der Swiss Church spielte), und die ganze Swiss Community kam zusammen. Für das Team der Swiss Church war es ein willkommener Team Ausflug. Wir sahen alte und machten neue Freunde.

An der Einweihung beteiligt war auch der Bischof der Kathedrale von Southwark, eben er, der die Uhr segnete und ein denkwürdiges Gebet sprach. Eine schöne Idee, die dem Anlass noch eine zusätzliche Tiefe gab. Dann fing ich an eins und eins zusammen zu zählen und kam nur auf drei: auf staatlicher Seite kamen zwei Vertreter zu Wort, auf kirchlicher Seite einer, nämlich der Bischof von Southwark, also Repräsentant der anglikanischen Kirche. Sollte da nicht...? Ja, da sollte! Da sollte auch ich zu Wort kommen, die Pfarrerin der Schweizer Kirche in London. Ich stand etwas perplex da in meinem Kollarhemd, hätte gerne mit dem Kollegen zusammen den Segen gesprochen. Nur bin ich eine Kombination, die man dann in diplomatischen Momenten gerne vergisst. Ich bin eine Frau. Ich bin jung. Und ich repräsentiere eine basisdemokratische Kirche, in der Pfarrpersonen nicht durch Hierarchie und Gewänder die Aura der Macht verliehen wird. Das ist auch gut so. Und gerade deshalb trifft es mich umso mehr 'vergessen' zu gehen. Ich vertrete dieses basisdemokratische Kirchenprinzip mit jeder Faser meines Körpers. Ich nehme es in Kauf, nicht die gleiche Stellung wie ein Priester oder ein Bischof zu haben und deshalb manchmal mit gebundenen Händen da zu stehen. Ich bin da, um andere zu ermutigen, Raum einzunehmen und das Reich Gottes zu gestalten. Nicht ich stehe im Zentrum, sondern die Gemeinde. Aber es gibt trotzdem Momente, da gehöre ich ins Zentrum, als Pfarrerin der Schweizer Auslandgemeinde in London. Zum Beispiel wenn der anglikanische Bischof in Anwesenheit des Botschafters und des Bürgermeisters eine Schweizer Bahnhofsuhr segnet.

Hierarchische Strukturen sind stärker und mächtiger, als wir uns eingestehen. Sogar die demokratische Schweiz lässt sich manchmal blenden. Und ich mich auch. So hat mir die Situation selber wieder einmal vor Augen geführt, dass auch ich mich manchmal von der Aura der Macht einnehmen lasse. Wir tun es alle, ständig. Und wir müssen uns das immer wieder selbstkritisch bewusst machen. Sonst wird das nix mit der Basisdemokratie und der Geschlechtergerechtigkeit.

Bevor ich das Zeitliche segne, gibt es noch viel zu tun.

 

Donnerstag, 14. August 2014

Blutige Tatsachen


Vielleicht ist dies der Anfang des Buches, das ich schon lange hätte schreiben sollen. Wahrscheinlich wird dies eine Blog-Serie, die schon lange fällig war, aber die ich irgendwie übersehen habe, weil Frausein für mich der alltägliche und eingefleischte 'Normalfall' ist. Geschichten habe ich Dutzende im Köcher: Skurrile, befreiende, erschütternde Geschichten. Geschichten von unerfüllten Träumen und innerer Zerbrochenheit, Geschichten von spiritueller Befreiung und gemeinsamem Aufbruch. Sie sind alle irgendwie verbunden mit diesem einen Thema: Frau und Kirche... und die Ordinationsfrage.

Historisch, ökumenisch, liturgisch, gesellschaftlich, modisch, emotional, biologisch: Alle geschilderten Erlebnisse haben so statt gefunden. Und nun geht's los:


Seit 2010 bin ich engagiert im  Ökumenischen Forum Christlicher Frauen in Europa. Davor habe ich vier Jahre lang für die Konferenz Europäischer Kirchen gearbeitet. Meine Ausbildung zur Pfarrerin habe ich in der ökumenischen Gemeinde Halden in St.Gallen absolviert. Ökumene ist in meinem Blut und prägt mich als Pfarrerin. Ich meine damit weit mehr als das nette Zusammensein und Feiern mit der katholischen Nachbargemeinde. Ich meine das Verwobensein, Streiten, gemeinsame Weinen und Hoffen, das Abgelehntsein und trotzdem Freunde sein, das Aushalten unüberbrückbarer Differenzen mit orthodoxen, christ- und römisch-katholischen, methodistischen und baptistischen, lutherischen und reformierten Frauen (und Männern). Ich meine das tiefe Erleben und Entdecken, wie anders die anderen sein können - zum Verzweifeln und Jubeln anders.

Letzte Woche war ich in Griechenland auf der orthodox-katholischen Insel Tinos an der Generalversammlung des Frauenforums. Am ersten Abend sass ich neben einer Griechin, so ungefähr mein Alter, Tänzerin und Künstlerin, und wir verstanden uns blendend.

"Und was machst du so in deinem Leben?", fragt sie mich. "Ich bin Pfarrerin." Sie schaut mich irritiert an. "Was ist das?" Ich zeige zum Nebentisch, wo ein katholischer, ein evangelischer und ein orthodoxer Priester in ihren schwarzen Roben sitzen: "So wie die, in der Kirche." - "Priesterin?" - "Ja so quasi. Mit Abendmahl und Taufen, Beerdigungen und Hochzeiten und auch so einer Robe." - "Das gibt es??", fragt sie. "Wo gibt es denn das?", fragt sie. Ich erkläre ihr die Sache mit der Frauenordination in der  reformierten Kirche. Ihre Augen werden immer grösser. "That's beautiful, I didn't even know women could be priests!" Uns war beiden nach Weinen und Lachen zugleich.

"Setzt du das Abendmahl ein?" - "Ja, auch." - "Mein Priester sagt, ich dürfe nicht zur Heiligen Kommunion, wenn ich meine Tage habe..." Sie zögert, dann flüstert sie: "Wie ist das denn, wenn du deine Tage hast?" - "Dann teile ich auch das Abendmahl aus", sage ich. "That's amazing, so you're fully accepted with your female body", ruft sie aus. Naja, solange ich es nicht thematisiere wohl schon, denke ich mir.

Wir tauschen Nummern aus und sie fragt mich, ob sie auf ihrem nächsten London-Besuch in meine Kirche kommen kann, um am Abendmahl teilzunehmen. Ja, das kann sie.

 
Blut Christi, für uns gegeben.