Sonntag, 25. März 2012

Idaplatz - Sommerzeit

Zürich, Idaplatz, Frühlingssonne. Mit der Sommersonne kommt auch die Energie zurück, die die letzten Wochen unter dem Teppich lag. Die Blogger-Vikarin war am Ende. Nun melde ich mich zurück an die Tasten!
Eine angenehme Nebenerscheinung der vielen Kurswochen während des Vikariats sind die Aufenthalte in Zürich. Aufgewachsen in St.Gallen fand ich die Stadt konsequent doof (alle sind gestresst und versnobt) und liess mich auch als Berner Studentin widerstandslos von den Vorurteilen tragen (it's all about money). Das ist nun vorbei! Zürich hat was. Nach 31 Jahren haben sich meine Vorurteile in Luft aufgelöst und ich finde Zürich einen würdigen London-Ersatz. Hallo Frühling! Hallo Idaplatz!

Aber was war los mit der Vikarin, zwischen dem Meditieren in Montmirail und dem Predigtschreiben am Idaplatz am Sonntagabend? Die Selbstreflexionskrise hat einen neuen Höhepunkt erreicht und ich fand es hart, mich selber und die tagtägliche Auseinandersetzung mit meinem Schaffen und Wirken zu ertragen. Ich habe den Wechsel der Vikariatsgemeinde unterschätzt. Jetzt, da schon alle vom Abschiednehmen reden, lernen mein neuer Ausbildungspfarrer Christoph und ich uns gerade kennen und steigen in einen gemeinsamen Lernprozess ein. Nach einem relativ holprigen Start in Sachen Feedback und langen Gesprächen sind wir nun angekommen, so scheint es mir, und können loslegen. Dass die berühmtberüchtigten Prüfungsdossiers (darüber gibt's BESTIMMT noch einen Blog) und Abschlussberichte auf der Bildfläche erscheinen, passt gerade nicht ins Konzept. Total azyklisch!

Ich entdecke die Faszination Klangzeit und auf welch kreative Weise Klang und Musik den Kirchenraum und die Menschen bereichern und inspirieren können. Der Schlüssel zur Heiligkreuz-Kirche verschafft mir jederzeit Zutritt zu einer berührend-atmosphärischen Klangwelt mit meterhohen Obertonpfeifen und Klangstühlen. Mit diesem Schlüssel habe ich schon viele kirchennahe und -ferne Freunde zum Staunen gebracht, was mich wiederum zum Staunen gebracht hat.

Ich habe die Bewohnerinnen des Pflegheims Heiligkreuz kennengelernt: Frau M., die erst gerade eingezogen ist und noch nicht begreifen kann und will, dass sie nun im Heim wohnt. Frau L., die nichts mehr Essen will, weil für sie die Zeit zum Sterben gekommen ist. Nach der Jugendzeit in der Halden besuche ich nun betagte Menschen und lerne die Hochs und Tiefs des Alltags im Pflegheim kennen. Die erste Andacht im Heim, die ich vor ein paar Tagen selber gehalten habe, war eine grosse Herausforderung. Was kann ich als 30jährige Vikarin weitergeben, an Menschen die ungaublich reiche Lebensgeschichten zu berichten haben und sich gleichzeitig mit dem Ende ihres Lebens auseinandersetzen? Kann ich mich überhaupt ausreichend in ihre Lebenswelt hineinfühlen, um ihnen etwas für die kommenden Tagen mitzugeben?

Es ist gelungen. Wir haben Abendmahl gefeiert und über die Geschichte vom grossen Gastmahl nachgedacht, gesungen und gelacht. Es war feierlich in dem kleinen sterilen Raum, der dem grossen klingenden Kirchenraum in keiner Weise nachsteht. Die leicht überstrapazierte pfarrerliche Wendung "wir kommen alle vor Gott, so wie wir sind", kriegt im Pflegheim, zwischen alt und jung, wieder ihre ganz tiefe und wahre Bedeutung.

Montag, 20. Februar 2012

Vikarenhumor ist... wenn man trotzdem lacht

Nach vier Kurswochen nonstop mit meditativen und explosiven Momenten, stillen Stunden und lauten Worten, bin ich wieder in meinem normalen Alltag angelangt: ich verbringe mehr als zwei Tage pro Woche zuhause und kann mein Privat- und Freizeitleben wieder so gestalten, wie ich das möchte. Vorgestrige Menschen nennen das Work-Life-Balance. Ich nenn's einfach Life-Balance. Bei der Arbeit bin ich ja nicht tot.

Heiraten, beerdigen, neue Kirchen pflanzen und Ikonen malen; taufen, Sterbende begleiten, Seelsorgegespräche analysieren und nachstellen; Freiwillige hegen und pflegen, die Kirchenräume hübsch und familienfreundlich gestalten...

Zeit für Humor blieb trotzdem. Oder für das, was man in einem Vikariatskurs als Humor zu identifizieren glaubt.

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Nach dem sehr reichhaltigen Mittagessen im Restaurant, der Kaffee wird serviert. Vikar U. fragt: "So, sind wir alle wieder arbeitsfähig?" Vikar S. darauf: "Jo nei... süsch würe mer jo nöd i de Chile arbeite!"


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Der Kursreferent stellt eine Frage. Die Vikare starren ihn schweigend an. Keine Reaktion. Der Referent versucht die Situation zu retten: "Ein Sprichwort sagt: Wie soll ich wissen, was ich denke, wenn ich nicht höre, was ich sage." Sagt mein Tischnachbar Vikar L. zu mir: "Für di gilt da im Fall nöd!" (Wer je das Vergnügen hatte, mit mir in einem klassenähnlichen Verband zu sitzen, solidarisiert sich an dieser Stelle mit Vikar L.)

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Der Kursreferent zeigt Bilder von Kirchen und Kirchgemeindehäuser, die seiner Meinung nach besonders gut oder besonders schlecht ausgestattet sind. Bei einem schlecht erkennbaren Bild einer Küche sagt er: "Hier seht ihr nun ein typisches Beispiel einer modernen Gemeindeküche in Deutschland. In der Schweiz findet man das nirgends!" (Ich versuche vergebens, etwas zu erkennen.) "Da steht nämlich ein Bierhahn!" (Aha, jetzt wo er's sagt...) "Das ist ein gutes Beispiel für Gender in der Praxis! Man soll die Innengestaltung der Räume eben nicht alleine den Frauen überlassen." (Ja, das hat er gesagt, das hat er gesagt!!)

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"Apparatchiks sind keine Männer." (Begründung des Referenten, weshalb der Pfarrer in einem Gemeindeprojekt in einem Frauenteam nicht der 'Quotenmann' sein kann.)


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Die Beispiele sind nicht erfunden. Falls euch das Lachen im Hals stecken geblieben ist, zahl ich euch ein Genderbier, um den Frosch hinunterzuspülen. 

Montag, 6. Februar 2012

OM!

Ich gehe jetzt nach Montmirail, schweigen und meditieren und das Yogamätteli und die Wanderschuhe habe ich gleich auch noch eingepackt. Als ich vor rund einem Jahr wahlpflichtig die Option "Spiritualitätswoche" oder "Psychologie und Seelsorge" ankreuzen musste, habe ich mich für ersteres entschieden. Der Grund war nicht ein tiefsitzendes Bedürfnis nach Meditationserfahrung - im Gegenteil! Das Wort Spiritualität rief damals durchaus negative Konnotationen hervor: Weltflucht, Egotrip, peinliche Stille. Aber ich habe das Kreuzchen trotzdem, oder gerade deswegen, bei der Spiritualitätswoche gemacht, weil ich mich einmal in die Höhle des Löwens vorwagen wollte. Später habe ich gelernt, dass man dies die Lernzone (im Vergleich zur Komfortzone) nennt. Da, wo einem weniger wohl ist, wo es ein bisschen weh tut, leichte Panik ausbricht, da lernt man etwas Neues und geht an seine eigene Grenzen. Und da sind wir Vikare und Vikarinnen angehalten hinzugehen. Diesen pädagogischen Grundsatz habe ich dann zwar erst Monate später im Viakariatskurs gelernt (und war ein bisschen stolz auf mein unbewusstes Lernbewusstsein).

Die Panik vor der Stille und der Meditation ist längst abgebaut. Ich gehe heute nicht in die Lernzone, sondern in die Komfortzone, freudig gespannt wie es so ist, im Kloster. Es war die richtige Entscheidungen und mein sturmer Vikariatskopf braucht nichts anderes als das: ganz viel Stille.

Also, a presto, bambini e bambine! Ich geh dann mal in mich!

Samstag, 4. Februar 2012

Im falschen Film

Samstagabend.

Nach einer weiteren intensiven Studienwoche auf dem kirchlichen Hochsitz Boldern über dem Zürichsee scheint mir das Versinken im Kinosessel die richtige Freizeitoption. Man wird nicht gesehen, braucht nicht zu reden und kann sich der Passivität voll und ganz hingeben. In die Welt des Films entfliehen...

Der Blick ins Kinoprogramm ist reizvoll. Im Vergleich zu anderen Wochen flimmern gleich mehrere sehenswerte Filme über die Leinwand. Wichtigstes Auswahlkriterium für heute: leicht, luftig, ein Hauch von Hollywood, ein bisschen Romanze, ein paar Tränen und zum Schluss ein fulminantes Wohlfühlende. Die Seelsorgewoche auf Boldern hatte nämlich mit einigen heftigen Themen aufgewartet: zum Beispiel Seelsorge am Sterbebett und bei Hinterbliebenen. Nach der schonungslosen Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit und der Rolle als Pfarrerin am Ende eines Lebens schien mir George Clooney gerade der richtige Zeitgenosse, um das Gedankenrad zum stehen zu bringen und die heiteren Seiten des Lebens zurück ins Bewusstsein zu holen.

George Clooney - in erster Linie professioneller Nespressotrinker und Dauerbeau. Unglücklicherweise schien meine Erinnerung nicht so weit zurück zu reichen, dass der umschwärmte Hollywoodstar eben nicht nur einfach schön aussieht, sondern sehr oft kritische und aufwühlende Rollen verkörpert, die, wenn auch oft mit einer grosszügigen Portion Ironie, gar nicht so leicht daherkommen wie die Lektüre über das Privatleben des Schauspielers in der Gala. George Clooney in einem oscarnominierten Film, das ist der ultimative Abschaltfilm - dachte ich mir. Ich hatte noch "Up in the Air" im Kopf, eine wahrlich leichte Liebeskomödie an den Flughäfen der Welt.

Hätte ich vorher die Zusammenfassung des Films "The Descendants" gelesen, hätte ich geahnt, dass der Film nichts anderes ist, als eine Fortsetzung der Seesorgewoche auf Boldern: eine Frau auf dem Sterbebett, umgeben von der sich streitenden und versöhnenden Familie, die sich in der ausweglosen Situation irgendwie ihren Weg sucht - manchmal recht, manchmal schlecht. "The Descendants" - ein gehaltvoller und unglaublich stark gespielter Film. Aus Perspektive der Vikarin jedoch eine Verlängerung der bisher emotionalsten und dichtesten Seelsorgewoche. Immer wieder habe ich mich beim Gedanken ertappt, wie ich auf diese oder jene Situation reagieren würde, habe das inszenierte Familiensystem analysiert und mich gefragt, welche Rolle die einzelnen Charaktere in diesem Beziehungsnetz spielen.

Die Seelsorgewoche hat mir bestimmt eine ganz eigene Perspektive auf den Film eröffnet. Aber eigentlich wollte ich doch nur im Kinosessel versinken und die Sterblichkeit ganz und gar vergessen...

Lesson learnt: als Vikarin das Kinoprogramm ganz genau studieren!

Dienstag, 31. Januar 2012

Von der Wiege bis zur Bahre: Ja, ich will!

Vikar R. und Vikarin G. stehen sich gegenüber, Hand in Hand, vor dem Altar. Auf die Frage von Vikarin B., ob sie sich treu sein wollen, und in guten wie in schlechten Zeiten zueinander stehen, antwortet Vikarin G. zögerlich mit "Ja, ich will". Vikar R. setzt etwas beherzter an. Er kennt das schon von seiner richtigen Hochzeit. Die zwanzig Vikare und Vikarinnen in den Kirchenbänken grinsen, zaghaft verlegen, fast ein bisschen gerührt. Auf den rituellen Hollywood-Kuss warten wir jedoch vergebens. Die Übung wird hier abgebrochen. Die Runde ist offen für Feedback an Vikarin B.

Vikar R. und Vikarin G. sind das Probepaar. Am unechten Bräutigam und der unechten Braut übt der Vikariatskurs 2011/2012 in der Kirche Bruggen bei St.Gallen das Vermählen. Wohin setzt sich das Brautpaar und zu welchem Zeitpunkt? In welche Richtung blickt das Paar? Einander an oder zur Pfarrerin? Wann kommt Gebet, Segen, Eheversprechen und in welcher Reihenfolge? Soll man die Hände des Paars zum Segnen berühren oder ist das aufdringlich? Wird das Eheversprechen mit 'bis dass der Tod euch scheidet' oder ohne vorgelesen? Vikar L. findet heraus, dass die Wendung in den von der Pfarrschaft benutzten Liturgiebänden nicht mehr vorkommt. Es ist ja auch gar nicht mehr so zeitgemäss, gar realitätsfern, ausser wenn man den Tod nicht nur als das Ende des irdischen Lebens interpretiert, sondern auch als destruktive Macht in einer Beziehung, die eine Ehe vor dem endgültigen Ableben der Eheleute beenden kann. Dieses Hilfskonstrukt ist aber höchstens für eine Trauung von TheologInnen empfehlenswert...

Wobei wir bereits beim nächsten Studientag angelangt wären: Nach der Eheschliessung wird das Beerdigen geübt. Mit einem gewissen Galgenhumor stellen sich die angehenden Pfarrpersonen dieser existentiellen Aufgabe. Bei einem Spaziergang über den Friedhof lassen wir uns von den Gräbern zu Abdankungspredigten inspirieren, die wir später gegenseitig kommentieren und austauschen. In Kleingruppen tragen wir Grabreden vor und überlegen uns, worauf beim Senken der Urne oder des Sarges zu achten ist. Jeder Schritt, jedes Wort soll genau geplant sein, damit die Angehörigen sich sicher und geleitet fühlen. Beim Beerdigen gibt es keinen Probelauf.

Last but not least trainieren die Vikare und Vikarinnen an Bäbis das Taufen. Welche Aufgabe kommt beim Taufen den Grosseltern, den Paten, den Geschwistern zu? Mit wievielen Fingern wird das Wasser auf die Strin aufgetragen? Kann auch ganz traditionell Wasser mit der hohlen Hand über die Stirn geschüttet werden? Wird die Taufkerze vor oder nach dem Taufakt angezündet? Wie wird mit gottesdienstlichen Sonderwünschen der Tauffamilie umgegangen?

Ja, wie wird eigentlich mit den ganzen Sonderwünschen bei Kasualien (so werden die kirchlichen Rituale an wichtigen Lebensübergängen genannt) umgegangen? Kasualien sind PR für die Kirchen - so sehen das die einen. Kasualien sind immer auch Seelsorge - denken andere. Kasualien sind Verkündigung und werden manchmal unter Druck von Verwandten abgehalten - ein Dilemma. Die Hochzeit soll einen Hauch von Hollywood umgeben (Kate und William lassen grüssen). Bei der Taufe soll für die Taufeltern das Kind ganz besonders im Zentrum stehen, während die Pfarrperson der ganzen Sonntagsgemeinde gerecht werden will. Bei Beerdigungen treffen umwälzende Lebenskrisen und tiefe Trauer auf den oftmals unberechenbaren und chaotischen Berufsalltags der Pfarrerin. Und was, wenn die Pfarrperson selber von Gefühle der Anteilnahme überwältigt wird?

In Gesprächen stelle ich oft fest, dass die Menschen an sich selber viel höhere Ansprüche stellen als ich selber in der Rolle als Pfarrerin. Was ich vom Brautpaar oder von den Taufeltern erwarte sind Neugier und Ehrfurcht vor dem Leben und eine gewisse Kompromissbereitschaft bezüglich der Kasualfeier. Ich erwarte kein Glaubensbekenntnis, keinen Gottesbeweis, keine Aufzeichnung über den regelmässigen Gottesdienstbesuch und keine genauen Bibelkenntnisse. Menschlichkeit, Ehrlichkeit und das Vermögen, sich auf das Neue, Andere einzulassen, das finde ich schon sehr viel. Eine gewisse Offenheit für das Unverfügbare im Leben, das möchte ich spüren, damit ich gerne eine Kasualfeier gestalte. Darauf kann man gemeinsam bauen. Ich mag die Menschen, und ich will, dass sie sich an ihren wichtigen Tagen begleitet und geleitet fühlen, dass sie ihre Gefühle zum Ausdruck bringen können und sich in ihren Anliegen ernst genommen fühlen. Wenn die Offenheit gegenseitig ist, dann helfe ich auch gerne, dem Tag ein bisschen Hollywood zu verleihen!

Sonntag, 22. Januar 2012

Neue Gemeinde, neue Sitten

Seit 1. Januar bin ich in einer neuen Lehrgemeinde. Die Kirche Heiligkreuz steht östlich stadtauswärts auf einer Anhöhe. An sonnigen Tagen sieht man von den Drei Weiheren den mächtigen Kirchturm der Jugendstilkirche. Sie war die erste Kirche im Ostbezirk Tablat, erbaut 1911-1913, als der Osten der Stadt noch abgetrennt vom Zentrum einen eigenen Mikrokosmos bildete. Hier lebte die Arbeiterklasse fernab von den wohlbetuchten Stadtherren, die durch die weltberühmte St.Galler Stickerei Ruhm erlangten.

Das Fresko über dem marmorbeschichteten Altarraum zeigt Abbildungen von Menschen, die damals beim Erbau der Kirche im Heiligkreuz gewohnt hatten - Arbeiter und Arbeiterinnen mit ihren Werkzeugen, wohlgeformte Frauen, das goldene Haar als Zopfkranz gebunden, kräftige Männer mit bärtigen Gesichtern und lockeren Hemden. Keine typischen Hirten und Hirtinnen, wie wir sie uns heute vorstellen würden! Aber die Krippe, zu der sie sich hinwenden, ist auch nicht gerade historisch hieb- und stichfest dargestellt. Das ebenfalls sehr nordisch aussehende Maria-Josef-Paar steht inmitten einer wohlgetrimmten Buchsbaumhecke, das Kindlein in den Armen, und der zukünftige Christus prachtvoll über ihren Köpfen schwebend.

Der Künstler Carl Liner wurde für seine tollkühne Darstellung der barfüssigen Arbeiterklasse im Fresko aus der Stadt gejagt und konnte nie wieder künstlerisch tätig sein. Das Fresko im Heiligkreuz war sein grösstes und letztes Werk. Zu Lebzeiten wurden seine Bilder nie mehr ausgestellt.

Lange bevor die Kirche Heiligkreuz ihren heutigen Platz fand, diente der Hügel als Galgenhügel.

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Der Kirchenraum ist mächtig, ganz anders als der quadratisch moderne Innenraum der Haldenkirche. Über den Köpfen der Gemeinde thront die Orgel. Wenn sonntags 20-30 Gemeindeglieder sich zum Gottesdienst versammeln, dann wünscht man sich wohl manchmal hundert Jahre zurück, in eine volle Kirche, nur um zu sehen, wie dieser Raum gefüllt aussieht. Dem kleiner werdenden Publikum hat sich die Gemeinde angepasst, indem sie die ersten Reihen Kirchenbänke hat herausreissen lassen und stattdessen moderne Stühle hingestellt hat. So versammelt sich heute die Gemeinde im Halbkreis im Altarraum. Eine kleine, feine, besinnliche Runde.

Nach dem Gottesdienst schüttle ich Hände.

"Wie sagt man Ihnen denn? Frau Pfarrer noch nicht, oder?" - "Ach, einfach Carla." - "Das ist aber nicht besonders angebracht... Dann einen schönen Sonntag, Frau Vikarin!"


Andere Gemeinde, andere Sitten.

Mittwoch, 11. Januar 2012

And the Seelenstriptease Award goes to....

Langsam gehe ich mir selber auf die Nerven! Lernt man doch schon als kleines Kind, dass sich nicht alles immer nur um einen selber dreht. Besonders Mädchen haben sich von dieser in Verruf geratetenen Eigenschaft zu distanzieren. Und als Pfarrerin sollte man erst recht ganz und gar selbstlos sein! Die Kombination meines Geschlechts mit meinem Beruf ist für die vikariätliche Nabelschau denkbar ungünstig.

Denn es dreht sich ganz viel immer wieder um einen selbst. Und ist die Runde fertig gedreht, geht sie wieder von vorne los. Der Fragebogen zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung beinhaltet 210 Punkte zur Selbsteinschätzung. Da soll man sich 210mal auf einer Skala von 1 bis 6 selber einstufen. Zum Beispiel:

Menschen, die sehr schnell Kontakt knüpfen, irrtieren mich.


Manchmal muss man meinen Tatendrang bremsen.


Anderen gegenüber bin ich misstrauisch.


Ich bin frei von Ängsten.


Das ist wie ein besonders langer Brigitte-Persönlichkeitstest, aufgrund dessen ein berufsbezogenes Profil erstellt wird. Hat man sich dann mal durch diese Fragen durchgekaut, zögerlich und zweifelnd, manchmal aber auch beherzt und selbstbewusst angekreuzt, kommt der nächste Abgabetermin: der Vikariatszwischenbericht ist fällig! Hier sind gefragt:

Mein eigener genereller und zusammenfassender Eindruck von mir als Vikarin


Der Stand meines Lernweges in den vier Handlungsfeldern Unterricht, Gottesdienst, Gemeindeaufbau und Seelsorge


Meine Positionierung in Bezug auf neun Kernkompetenzen wie zum Beispiel Teamfähigkeit und innere Überzeugung


Woher komme ich? Wer bin ich? Wohin gehe ich? Die grossen Fragen des Lebens liegen in Greifweite und entgleiten doch mit jedem Kreuzchen in weite Ferne. Es ist, wie wenn man sich selber in eine Form giessen müsste, im Hintergrund ständig das Bewusstsein um das Unbewusstsein, das seit C.G. Jung in unseren Köpfen unbekannterweise dauerpräsent ist.

Meine derzeitige Bettlektüre "Die Feigheit der Frauen" von Bascha Mika (ehemalige taz-Chefredakteurin und damit eine der ganz, ganz wenigen Frauen, die je einer grossen deutschsprachigen Tageszeitung vorstanden und deshalb weiss, wovon sie spricht) erinnert mich ständig daran, dass ich mich diesen Kreuzchen und Fragebögen gefälligst zu beugen hätte. Dass ich mich mit diesen Kreuzchen und Sätzen zu einer durchsetzungsfähigen Berufsfrau mausere, die sich nicht so leicht ans Bein pinkeln lässt. Und dass ich meine Gewissensbisse bezüglich meiner Selbstumrundung gefälligst dem hehren Ziel der beruflichen und gesellschaftlichen Gleichstellung der Geschlechter unterzuordnen hätte.

Danke, Bascha Mika! Ihnen widme ich den nächsten Brigitte-Persönlichkeitstest!