Hinten im Bus sitzen die Coolen. So viel wusste ich noch von den Sekundarschulreisen. Hinten im Bus sitzt man weit weg von der Lagerleitung und wird in Ruhe gelassen. Denn von denen hinten im Bus hat man ein bisschen Respekt. Hinten im Bus kann man auf dem iPhone alte Musikvideos von frueher anschauen, zum Beispiel "Wish I were an angel" von der Kelly Family oder "Babe" von Take That, und sich darueber unterhalten, in welchen der busperen Boys man seine teenagerliche Sehnsucht investiert hat. Hinten im Bus darf man auch mal peinlich sein. Denn hinten im Bus ist man der ewige Teenager, auch mit zweiunddreissig Jahren. Hinten im Bus stopft man sich die Kopfhoerer in die Ohren, wenn die Lagerleitung das Boardmikrofon zwecks Vermittlung wichtiger Informationen in Beschlag nimmt, verdreht die Augen und denkt sich heimlich, dass man diesen Kram doch nicht noetig hat. Das ist kindisch. Und deshalb ist es so unglaublich lustvoll, mal endlich wieder eine Woche hinten im Bus zu sitzen, zusammen mit seinen besten Gspaennli.
London - Sheffield - Bradford - Manchester - Liverpool: zum Abschluss des Vikariats fahren die zweiundzwanzig Vikare und Vikarinnen eine Woche nach England, begleitet von vier vollamtlichen Erwachsenen. Diese planen fuer uns die WC-Pausen, checken die Gruppen in den Hotels ein und kuemmern sich darum, dass wir regelmaessig essen. Warum England? Hier gibt es die "Fresh Expressions of Churches", eine junge Bewegung der anglikanischen und methodistischen Kirche, die ganz andere Formen von Kirchen anerkennt, mitten in sozial explosiven Stadtvierteln einer postmodern gepraegten Gesellschaft. Die frischen Kirchen sprechen Menschen an, die als "de churched" oder "non churched" bezeichnet werden, und doch auf der Suche nach Lebenssinn, Gemeinschaft und spiritueller Tiefe sind. Man trifft sich in Pubs, backt zusammen Brot, bietet Gottesdienste in Kirchenkaffees an. Sozial benachteiligte Jugendliche gestalten mit Unterstuetzung eines Pfarrers selber ihre Kirche, Banker entwickeln ihre eigenen Meditationsliturgien.
Bis hierher noch nicht viel Neues. Angebote der reformierten Kirchen in der Schweiz versuchen sich ebenfalls darin, durch neue Angebote die postmodernen Sinnsuchenden anzusprechen (man darf heute auch vorsichtig wieder von Mission reden). Es werden gross angelegte Gesellschaftsstudien in Hinblick auf das religioes-spirituelle Verhalten verschiedener Gruppen betrieben (als sogenannte Sinus-Studie bei der Schweizer Pfarrschaft mittlerweile zu Beruehmtheit gelangt). Das ganz andere in England: es werden bereits waehrend der Pfarrausbildung Weichen gestellt. Man kann sich zum "Pioneer Minister" ausbilden lassen und zum dynamischen Gemeindeaufbau in brach liegende Gegenden oder Kirchen geschickt werden. Die "Pioneer Ministers", die wir treffen, sind denn auch aeusserst kreative, kommunikative und gesellschaftsorientierte PfarrerInnen (meistens aber ohne das -Innen). Ihre Arbeit wird von der Mutterkirche als gleichwertig anerkannt. Die Pioniere bekraeftigen, was viele von uns in den jeweiligen Vikariatsgemeinden gelernt haben: Kirche geht vom Menschen aus. Sie braucht Mut zur Verletzlichkeit und Fehlerhaftigkeit. Sie braucht Pfarrer und Pfarrerinnen, die ueber sich selber lachen können und vor allem: die den Menschen ganz und gar angstfrei begegnen.
Zum Beispiel denen hinten im Bus.
Donnerstag, 26. Juli 2012
Mittwoch, 13. Juni 2012
Der Klang der Stille
(Alle Namen sind im folgenden geändert.)
Frau Meier lacht. Sie lacht oft, ein verschmitztes Grinsen, wie wenn sie gerade etwas angestellt hätte. Frau Meier kann sich kaum erinnern, was eben gerade war, noch wo sie sich genau befindet. Doch sie ist ganz präsent. Sie erinnert sich an mich und freut sich über das Wiedersehen. Ich weiss nicht, was es ist, das sie erinnern lässt.
Frau Gabathuler schläft. Das freut mich. Sie kann sich entspannen und ausruhen. Vielleicht klingen die ruhigen Klänge der Klangschale, das herzhafte Singen der Mitbewohnerinnen oder der Stimmlaut meiner Predigt auch im Raum der Träume - vielleicht auch nicht.
Herr Matzinger ist erst seit vier Wochen hier. Von seinem neuen Wohnort ist er noch nicht wirklich überzeugt. Regeln, Tagesabläufe und die Trennung von seiner Frau, die noch alleine wohnen kann, machen ihm sichtlich zu schaffen. Er muss sich an die neue Lebenssituation gewöhnen.
Frau Möckli möchte sterben. Seit Wochen trägt sie diesen Wunsch in sich. Und doch bringt sie jede Woche die Energie auf und kommt zur Andacht ins Erdgeschoss. Manchmal fällt sie in einen ruhigen Schlaf, um im nächsten Moment wieder aufmerksam zuzuhören. Ihre Augen sind wach auf mich gerichtet. Sie sucht Frieden.
Einige kommen nicht mehr. Sie finden die Kraft nicht mehr oder sie sind verstorben.
Die Andachten im Pflegeheim gehören mit zu den stärksten Momenten der Woche. Sie bringen Abwechslung in den Wochenablauf des Pflegeheims und zeigen mir eine Welt, zu der man als 30jährige sonst kaum Zugang hat. Gemeinsam mit den Bewohnerinnen tauche ich in eine andere Welt ein, in die göttliche Welt, eine Welt des Zuspruchs und des Friedens. In dieser Welt sind die Altersgrenzen ganz aufgehoben. Wenn ich den betagten und pflegebedürftigen Menschen aus der Bibel vorlese, einige Gedanken formuliere, mit ihnen ins Gespräch komme, wenn ich die Klangschale anklingen lasse, mit ihnen bete und singe oder Kerzen anzünde, dann weht der Heilige Geist diskret-verhalten durch den Raum.
Fünfundvierzig Minuten Andacht rücken meinen Alltag wieder ins rechte Licht. Ich gehe beschwingt und mit einem verschmitzten Lachen ins Büro zurück - das Lachen von Frau Meier.
Frau Meier lacht. Sie lacht oft, ein verschmitztes Grinsen, wie wenn sie gerade etwas angestellt hätte. Frau Meier kann sich kaum erinnern, was eben gerade war, noch wo sie sich genau befindet. Doch sie ist ganz präsent. Sie erinnert sich an mich und freut sich über das Wiedersehen. Ich weiss nicht, was es ist, das sie erinnern lässt.
Frau Gabathuler schläft. Das freut mich. Sie kann sich entspannen und ausruhen. Vielleicht klingen die ruhigen Klänge der Klangschale, das herzhafte Singen der Mitbewohnerinnen oder der Stimmlaut meiner Predigt auch im Raum der Träume - vielleicht auch nicht.
Herr Matzinger ist erst seit vier Wochen hier. Von seinem neuen Wohnort ist er noch nicht wirklich überzeugt. Regeln, Tagesabläufe und die Trennung von seiner Frau, die noch alleine wohnen kann, machen ihm sichtlich zu schaffen. Er muss sich an die neue Lebenssituation gewöhnen.
Frau Möckli möchte sterben. Seit Wochen trägt sie diesen Wunsch in sich. Und doch bringt sie jede Woche die Energie auf und kommt zur Andacht ins Erdgeschoss. Manchmal fällt sie in einen ruhigen Schlaf, um im nächsten Moment wieder aufmerksam zuzuhören. Ihre Augen sind wach auf mich gerichtet. Sie sucht Frieden.
Einige kommen nicht mehr. Sie finden die Kraft nicht mehr oder sie sind verstorben.
Die Andachten im Pflegeheim gehören mit zu den stärksten Momenten der Woche. Sie bringen Abwechslung in den Wochenablauf des Pflegeheims und zeigen mir eine Welt, zu der man als 30jährige sonst kaum Zugang hat. Gemeinsam mit den Bewohnerinnen tauche ich in eine andere Welt ein, in die göttliche Welt, eine Welt des Zuspruchs und des Friedens. In dieser Welt sind die Altersgrenzen ganz aufgehoben. Wenn ich den betagten und pflegebedürftigen Menschen aus der Bibel vorlese, einige Gedanken formuliere, mit ihnen ins Gespräch komme, wenn ich die Klangschale anklingen lasse, mit ihnen bete und singe oder Kerzen anzünde, dann weht der Heilige Geist diskret-verhalten durch den Raum.
Fünfundvierzig Minuten Andacht rücken meinen Alltag wieder ins rechte Licht. Ich gehe beschwingt und mit einem verschmitzten Lachen ins Büro zurück - das Lachen von Frau Meier.
Mittwoch, 2. Mai 2012
Zirkusmission
Zirkusmusik klingt durch mein Küchenfenster, während ich mich mal wieder in tiefster Selbstreflexion über meine Kernkompetenzen als Vikarin befinde. Ich wippe sachte mit. Morgen zieht der Zirkus weiter und ich werde ihn verpasst haben - schade, eigentlich. Die Musik trägt Kindheitserinnerungen in meine Stube. Damals, als ich ganz unreflektiert eine grosse Tüte Popcorn vor den Augen der Elefanten verschlungen habe und dem kleinen Mann des Zirkus Knie noch kaum über die Schulter gewachsen bin. Das war schön, eine Welt ohne nachdenken zu müssen über den situationsgerechten Einsatz von Symbolen!
Das penetrante Geräusch meiner Klingel reisst mich aus der fernen Zirkuswelt. Wer klingelt mitten am Nachmittag in meine abschweifende Selbstumgarnung rein? Es sind zwei nette Frauen, die zu mir hinaufschauen. Ich habe sie noch nie gesehen. Erster Gedanke: Nein, das Auto, das hier falsch parkiert ist, gehört mir nicht. Doch die Frau sagt: "Grüezi! Das ist schön, dass wir sie antreffen! Wir bringen Ihnen ein Buch vorbei." - ? - "Die Bibel" - Ich bin irgendwie sprachlos, weil ich gerade nicht verstehe, weshalb mir diese Frau eine Bibel bringen will. Es liegen ja schon drei vor mir auf dem Tisch. - "Es geht darum zu verstehen, was richtig im Leben ist." - Willkommen auf dem gleichen Dampfer! Fast will ich sagen, dass ich mich gerade selber reflektiere. Dann finde ich meine Sprache wieder: "Ich bin Pfarrerin." - Die Frau macht ein langes Gesicht: "Aha, dann wissen sie ja schon etwas darüber..." - Nun ja... Weiss ich das? Ich sage: "Ich habe schon einen ganzen Stapel Bibeln bei mir. Ich bin eigentlich versorgt. Sie rennen quasi offene Türen ein." - Die Frauen sehen ein, dass sie ihr Buch wieder einstecken können.
Ich setze mich hin und beuge mich wieder über die Liste der Kompetenznachweise, die ich mir selber aussuchen und zuschreiben darf. Der dunkelblaue Audi vor meiner Tür nervt. Soll mal wegfahren. Der gehört sicher Geraldine.
Montag, 23. April 2012
In 5 Tagen um die Welt
Singh, der uns durch den Sikh Tempel in Southall westlich von London führt, versucht uns zu erklären, was hier passiert. Doch Singh versteht unsere Fragen nicht und wir verstehen seinen Akzent nicht. Die Annäherung an die Religion der Sikhs ist eine holprige Angelegenheit, die von vielen Missverständnissen aber einer durch und durch herzlichen Atmosphäre geprägt ist. Auszüge aus dem Gespräch (wobei ich als Übersetzerin zwischen Singh und der Klasse tätig bin, während der Prediger im Hintergrund ziemlich laut ins Mikrofon spricht):
Ich: "So is Guru not a human being?"
Er: "Guru is the word! It means from dark to light. Guru leads us from dark to light. The body is not important."
Ich zur Konfklasse: "Also irgendwie verstehe ich das so, dass Guru nicht eigentlich ein Mensch ist, sondern vom Körper losgelöst, eine Art Lebensweisheit, das Wort."
Eine Konfirmandin: "Verstehst du, was du grad sagst?"
Ich: "Nein, nicht wirklich. Ich bin ein bisschen verwirrt grad..."
Auch weitere Versuche, hinter das Geheimnis des Sikhismus zu kommen, gestalten sich erstmal eher schwierig. Doch Singh zeigt uns begeistert den Tempel und wir sind begeistert von der offenen Art Singhs und so hören wir gespannt zu, wie er uns erzählt, dass Guru Granth Sahib jeden Abend nach dem Gottesdienst (der den ganzen Tag dauert) rituell auf dem Kopf des Priesters zu Bett gebracht wird, in den "Scripture room". Also scheint Guru Granth Sahib ein Buch zu sein...
Das Geheimnis um den Glauben der Sikhs beginnt sich zu lüften, als die Führung ein Kollege Singhs, Singh, übernimmt, der eigentlich für den Besucherdienst zuständig ist. Er entschuldigt sich, dass er sich erst jetzt Zeit nehmen kann, da eine 200köpfige Schulklasse gerade im Tempel zu Besuch ist. Singh weiss ganz genau, wie er einer christlichen Klasse seine Religion erklären kann. Und somit lüftet sich auch das Geheimnis um den körperlosen Guru Granth Sahib. Zwischen 1469, der Gründerzeit der Religion, und 1708 gab es zehn Gurus, weise Männer, die das Wort Gottes zu den Menschen brachten. Der letzte Guru beschloss 1708, dass nun die Reihe der lebenden Gurus zu Ende sei und die Worte der Gurus in einem Buch zusammen gefasst werden sollen. Dieses Buch ist der ewig lebendige Guru, der die Menschen leitet und inspiriert. Guru Granth Sahib ist also tatsächlich ein Buch - das heilige Buch der Sikhs, das die Reihe der Gurus abschliesst.
Der Sikhismus hat sich im 15. Jahrhundert vom indischen Kastensystem und somit vom Hinduismus gelöst und vertritt die Gleichheit aller Menschen, ungeachtet ihrer Herkunft. Wirklich verblüfft hat uns die ungebrochene Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Sikhs. Gastfreundschaft ist nicht nur ein Nebenprodukt der Religion. Um die Aufnahme von Gästen dreht sich alles, nicht nur im übertragenen Sinne, sondern ganz konkret: Zentrum jedes Sikh Tempels ist der Esssaal und die Küche, in der von vier Uhr morgens bis neun Uhr abends gekocht wird... genauso lange wie Gottesdienst gehalten wird. Das wiederholt sich Tag für Tag für Tag. Das Essen bei den Sikhs ist kostenlos, für jeden Menschen, der den Weg in ihren Tempel findet. Auch die Konfirmationsklasse wird selbstverständlich zum Esssaal geführt und verköstigt. Für die Jugendlichen gibt es wahlweise indisches Essen oder Pasta - alles vegetarisch, denn das Töten von Tieren ist gegen das göttliche Gebot und schlecht fürs Karma.
Laut einer BBC Reportage befindet sich die grösste Küche der Welt im Haupttempel der Sikhs in Amritsar, Indien (hier im Bild).
Auf dem Weg zurück nach London sprechen wir über Guru Granth Sahib und das Prinzip der Wiedergeburt. Doch Gesprächsthema Nummer eins ist die Warmherzigkeit der Menschen, die wir im Tempel angetroffen haben. Die Konfirmanden schwärmen von Singh, den zwar niemand wirklich verstanden hat, der uns durch seine Art aber doch alles gesagt hat.
Sonntag, 25. März 2012
Idaplatz - Sommerzeit
Zürich, Idaplatz, Frühlingssonne. Mit der Sommersonne kommt auch die Energie zurück, die die letzten Wochen unter dem Teppich lag. Die Blogger-Vikarin war am Ende. Nun melde ich mich zurück an die Tasten!
Eine angenehme Nebenerscheinung der vielen Kurswochen während des Vikariats sind die Aufenthalte in Zürich. Aufgewachsen in St.Gallen fand ich die Stadt konsequent doof (alle sind gestresst und versnobt) und liess mich auch als Berner Studentin widerstandslos von den Vorurteilen tragen (it's all about money). Das ist nun vorbei! Zürich hat was. Nach 31 Jahren haben sich meine Vorurteile in Luft aufgelöst und ich finde Zürich einen würdigen London-Ersatz. Hallo Frühling! Hallo Idaplatz!
Aber was war los mit der Vikarin, zwischen dem Meditieren in Montmirail und dem Predigtschreiben am Idaplatz am Sonntagabend? Die Selbstreflexionskrise hat einen neuen Höhepunkt erreicht und ich fand es hart, mich selber und die tagtägliche Auseinandersetzung mit meinem Schaffen und Wirken zu ertragen. Ich habe den Wechsel der Vikariatsgemeinde unterschätzt. Jetzt, da schon alle vom Abschiednehmen reden, lernen mein neuer Ausbildungspfarrer Christoph und ich uns gerade kennen und steigen in einen gemeinsamen Lernprozess ein. Nach einem relativ holprigen Start in Sachen Feedback und langen Gesprächen sind wir nun angekommen, so scheint es mir, und können loslegen. Dass die berühmtberüchtigten Prüfungsdossiers (darüber gibt's BESTIMMT noch einen Blog) und Abschlussberichte auf der Bildfläche erscheinen, passt gerade nicht ins Konzept. Total azyklisch!
Ich entdecke die Faszination Klangzeit und auf welch kreative Weise Klang und Musik den Kirchenraum und die Menschen bereichern und inspirieren können. Der Schlüssel zur Heiligkreuz-Kirche verschafft mir jederzeit Zutritt zu einer berührend-atmosphärischen Klangwelt mit meterhohen Obertonpfeifen und Klangstühlen. Mit diesem Schlüssel habe ich schon viele kirchennahe und -ferne Freunde zum Staunen gebracht, was mich wiederum zum Staunen gebracht hat.
Ich habe die Bewohnerinnen des Pflegheims Heiligkreuz kennengelernt: Frau M., die erst gerade eingezogen ist und noch nicht begreifen kann und will, dass sie nun im Heim wohnt. Frau L., die nichts mehr Essen will, weil für sie die Zeit zum Sterben gekommen ist. Nach der Jugendzeit in der Halden besuche ich nun betagte Menschen und lerne die Hochs und Tiefs des Alltags im Pflegheim kennen. Die erste Andacht im Heim, die ich vor ein paar Tagen selber gehalten habe, war eine grosse Herausforderung. Was kann ich als 30jährige Vikarin weitergeben, an Menschen die ungaublich reiche Lebensgeschichten zu berichten haben und sich gleichzeitig mit dem Ende ihres Lebens auseinandersetzen? Kann ich mich überhaupt ausreichend in ihre Lebenswelt hineinfühlen, um ihnen etwas für die kommenden Tagen mitzugeben?
Es ist gelungen. Wir haben Abendmahl gefeiert und über die Geschichte vom grossen Gastmahl nachgedacht, gesungen und gelacht. Es war feierlich in dem kleinen sterilen Raum, der dem grossen klingenden Kirchenraum in keiner Weise nachsteht. Die leicht überstrapazierte pfarrerliche Wendung "wir kommen alle vor Gott, so wie wir sind", kriegt im Pflegheim, zwischen alt und jung, wieder ihre ganz tiefe und wahre Bedeutung.
Eine angenehme Nebenerscheinung der vielen Kurswochen während des Vikariats sind die Aufenthalte in Zürich. Aufgewachsen in St.Gallen fand ich die Stadt konsequent doof (alle sind gestresst und versnobt) und liess mich auch als Berner Studentin widerstandslos von den Vorurteilen tragen (it's all about money). Das ist nun vorbei! Zürich hat was. Nach 31 Jahren haben sich meine Vorurteile in Luft aufgelöst und ich finde Zürich einen würdigen London-Ersatz. Hallo Frühling! Hallo Idaplatz!
Aber was war los mit der Vikarin, zwischen dem Meditieren in Montmirail und dem Predigtschreiben am Idaplatz am Sonntagabend? Die Selbstreflexionskrise hat einen neuen Höhepunkt erreicht und ich fand es hart, mich selber und die tagtägliche Auseinandersetzung mit meinem Schaffen und Wirken zu ertragen. Ich habe den Wechsel der Vikariatsgemeinde unterschätzt. Jetzt, da schon alle vom Abschiednehmen reden, lernen mein neuer Ausbildungspfarrer Christoph und ich uns gerade kennen und steigen in einen gemeinsamen Lernprozess ein. Nach einem relativ holprigen Start in Sachen Feedback und langen Gesprächen sind wir nun angekommen, so scheint es mir, und können loslegen. Dass die berühmtberüchtigten Prüfungsdossiers (darüber gibt's BESTIMMT noch einen Blog) und Abschlussberichte auf der Bildfläche erscheinen, passt gerade nicht ins Konzept. Total azyklisch!
Ich entdecke die Faszination Klangzeit und auf welch kreative Weise Klang und Musik den Kirchenraum und die Menschen bereichern und inspirieren können. Der Schlüssel zur Heiligkreuz-Kirche verschafft mir jederzeit Zutritt zu einer berührend-atmosphärischen Klangwelt mit meterhohen Obertonpfeifen und Klangstühlen. Mit diesem Schlüssel habe ich schon viele kirchennahe und -ferne Freunde zum Staunen gebracht, was mich wiederum zum Staunen gebracht hat.Ich habe die Bewohnerinnen des Pflegheims Heiligkreuz kennengelernt: Frau M., die erst gerade eingezogen ist und noch nicht begreifen kann und will, dass sie nun im Heim wohnt. Frau L., die nichts mehr Essen will, weil für sie die Zeit zum Sterben gekommen ist. Nach der Jugendzeit in der Halden besuche ich nun betagte Menschen und lerne die Hochs und Tiefs des Alltags im Pflegheim kennen. Die erste Andacht im Heim, die ich vor ein paar Tagen selber gehalten habe, war eine grosse Herausforderung. Was kann ich als 30jährige Vikarin weitergeben, an Menschen die ungaublich reiche Lebensgeschichten zu berichten haben und sich gleichzeitig mit dem Ende ihres Lebens auseinandersetzen? Kann ich mich überhaupt ausreichend in ihre Lebenswelt hineinfühlen, um ihnen etwas für die kommenden Tagen mitzugeben?
Es ist gelungen. Wir haben Abendmahl gefeiert und über die Geschichte vom grossen Gastmahl nachgedacht, gesungen und gelacht. Es war feierlich in dem kleinen sterilen Raum, der dem grossen klingenden Kirchenraum in keiner Weise nachsteht. Die leicht überstrapazierte pfarrerliche Wendung "wir kommen alle vor Gott, so wie wir sind", kriegt im Pflegheim, zwischen alt und jung, wieder ihre ganz tiefe und wahre Bedeutung.
Montag, 20. Februar 2012
Vikarenhumor ist... wenn man trotzdem lacht
Nach vier Kurswochen nonstop mit meditativen und explosiven Momenten, stillen Stunden und lauten Worten, bin ich wieder in meinem normalen Alltag angelangt: ich verbringe mehr als zwei Tage pro Woche zuhause und kann mein Privat- und Freizeitleben wieder so gestalten, wie ich das möchte. Vorgestrige Menschen nennen das Work-Life-Balance. Ich nenn's einfach Life-Balance. Bei der Arbeit bin ich ja nicht tot.
Heiraten, beerdigen, neue Kirchen pflanzen und Ikonen malen; taufen, Sterbende begleiten, Seelsorgegespräche analysieren und nachstellen; Freiwillige hegen und pflegen, die Kirchenräume hübsch und familienfreundlich gestalten...
Zeit für Humor blieb trotzdem. Oder für das, was man in einem Vikariatskurs als Humor zu identifizieren glaubt.
Nach dem sehr reichhaltigen Mittagessen im Restaurant, der Kaffee wird serviert. Vikar U. fragt: "So, sind wir alle wieder arbeitsfähig?" Vikar S. darauf: "Jo nei... süsch würe mer jo nöd i de Chile arbeite!"
Heiraten, beerdigen, neue Kirchen pflanzen und Ikonen malen; taufen, Sterbende begleiten, Seelsorgegespräche analysieren und nachstellen; Freiwillige hegen und pflegen, die Kirchenräume hübsch und familienfreundlich gestalten...
Zeit für Humor blieb trotzdem. Oder für das, was man in einem Vikariatskurs als Humor zu identifizieren glaubt.
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Nach dem sehr reichhaltigen Mittagessen im Restaurant, der Kaffee wird serviert. Vikar U. fragt: "So, sind wir alle wieder arbeitsfähig?" Vikar S. darauf: "Jo nei... süsch würe mer jo nöd i de Chile arbeite!"
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Der Kursreferent stellt eine Frage. Die Vikare starren ihn schweigend an. Keine Reaktion. Der Referent versucht die Situation zu retten: "Ein Sprichwort sagt: Wie soll ich wissen, was ich denke, wenn ich nicht höre, was ich sage." Sagt mein Tischnachbar Vikar L. zu mir: "Für di gilt da im Fall nöd!" (Wer je das Vergnügen hatte, mit mir in einem klassenähnlichen Verband zu sitzen, solidarisiert sich an dieser Stelle mit Vikar L.)
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Der Kursreferent zeigt Bilder von Kirchen und Kirchgemeindehäuser, die seiner Meinung nach besonders gut oder besonders schlecht ausgestattet sind. Bei einem schlecht erkennbaren Bild einer Küche sagt er: "Hier seht ihr nun ein typisches Beispiel einer modernen Gemeindeküche in Deutschland. In der Schweiz findet man das nirgends!" (Ich versuche vergebens, etwas zu erkennen.) "Da steht nämlich ein Bierhahn!" (Aha, jetzt wo er's sagt...) "Das ist ein gutes Beispiel für Gender in der Praxis! Man soll die Innengestaltung der Räume eben nicht alleine den Frauen überlassen." (Ja, das hat er gesagt, das hat er gesagt!!)
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"Apparatchiks sind keine Männer." (Begründung des Referenten, weshalb der Pfarrer in einem Gemeindeprojekt in einem Frauenteam nicht der 'Quotenmann' sein kann.)
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Die Beispiele sind nicht erfunden. Falls euch das Lachen im Hals stecken geblieben ist, zahl ich euch ein Genderbier, um den Frosch hinunterzuspülen.
Montag, 6. Februar 2012
OM!
Ich gehe jetzt nach Montmirail, schweigen und meditieren und das Yogamätteli und die Wanderschuhe habe ich gleich auch noch eingepackt. Als ich vor rund einem Jahr wahlpflichtig die Option "Spiritualitätswoche" oder "Psychologie und Seelsorge" ankreuzen musste, habe ich mich für ersteres entschieden. Der Grund war nicht ein tiefsitzendes Bedürfnis nach Meditationserfahrung - im Gegenteil! Das Wort Spiritualität rief damals durchaus negative Konnotationen hervor: Weltflucht, Egotrip, peinliche Stille. Aber ich habe das Kreuzchen trotzdem, oder gerade deswegen, bei der Spiritualitätswoche gemacht, weil ich mich einmal in die Höhle des Löwens vorwagen wollte. Später habe ich gelernt, dass man dies die Lernzone (im Vergleich zur Komfortzone) nennt. Da, wo einem weniger wohl ist, wo es ein bisschen weh tut, leichte Panik ausbricht, da lernt man etwas Neues und geht an seine eigene Grenzen. Und da sind wir Vikare und Vikarinnen angehalten hinzugehen. Diesen pädagogischen Grundsatz habe ich dann zwar erst Monate später im Viakariatskurs gelernt (und war ein bisschen stolz auf mein unbewusstes Lernbewusstsein).
Die Panik vor der Stille und der Meditation ist längst abgebaut. Ich gehe heute nicht in die Lernzone, sondern in die Komfortzone, freudig gespannt wie es so ist, im Kloster. Es war die richtige Entscheidungen und mein sturmer Vikariatskopf braucht nichts anderes als das: ganz viel Stille.
Also, a presto, bambini e bambine! Ich geh dann mal in mich!
Die Panik vor der Stille und der Meditation ist längst abgebaut. Ich gehe heute nicht in die Lernzone, sondern in die Komfortzone, freudig gespannt wie es so ist, im Kloster. Es war die richtige Entscheidungen und mein sturmer Vikariatskopf braucht nichts anderes als das: ganz viel Stille.
Also, a presto, bambini e bambine! Ich geh dann mal in mich!
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