Donnerstag, 8. September 2016

Und vergib mir meine Sünden...



Sobald mal als Pfarrerin das Wort 'Sünde' sagt, begibt man sich auf Glatteis. Es gibt wohl kaum einen anderen Begriff, der im kollektiven Gedächtnis so grossen Schaden hinterlassen hat. 



Warum ist das so? Jahrhundertelang hat die Kirche den Sündenbegriff als Machtinstrument missbraucht, um die Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen (das Fegefeuer droht!) und so an sich zu binden. Denn nur der geweihte Priester konnte den Sünder frei sprechen. In vielen Kirchen hat sich das geändert. Die Reformatoren haben sich im 16. Jahrhundert dagegen aufgelehnt und gesagt: wir Gläubigen brauchen keine Priester, die zwischen uns und Gott vermitteln. Wir können diese Beziehung direkt pflegen, und also auch direkt um Vergebung bitten. 



Doch nicht nur das hierarchische Gehabe der Kirche hat dem Sündenbegriff Schaden zugefügt. Die Sünde wurde aufs engste mit Körperlichkeit und Sexualität verknüpft und hat uns Menschen in der Folge von uns selber entfernt und grosses Leiden verursacht. Wir sind nicht nur Geist. Wir sind auch Körper, und wir sind nur dann frei, wenn sich Körper und Geist gleichermassen entfalten können. Ein einfaches Beispiel: Wenn's bei mir im Oberstübchen klemmt, dann muss ich rennen gehen, um den Geist wieder ins Laufen zu bringen. Die Einschränkung der Bewegungsfreiheit geht an die Seele. 

Die Unterdrückung der menschlichen Sexualität hat ein tiefes Trauma ausgelöst, aus dem wir uns nur allmählich lösen. Doch immer noch lauern Kirchen an allen Ecken, die die alte Leier spielen, sowohl traditionelle Kirchen wie auch neue Kirchen im poppigen Gewand: Sex vor der Ehe, Masturbation, Sinnlichkeit, Familienplanung, gleichgeschlechtlicher Sex - alles Sünden, die uns von Gott trennen. Dieses moralisierende Sündenverständnis hat ein weiteres Problem: es reduziert die Beziehung des Gläubigen zu Gott auf eine sehr individuelle Angelegenheit. Wenn ich einem einfachen Rezept, quasi einer klar definierten To Do Liste folge, dann bin ich im Reinen mit Gott und der Welt. Doch die Welt, wie wir sie jeden Tag erfahren, ist so viel komplexer, so viel komplizierter, und ob wir das wollen oder nicht: wir sind Teil von diesem grösseren Ganzen, das unsere Ego-Beziehung mit Gott bei Weitem überschreitet.

Für viele ist die Sünde passe, und wenn sie überhaupt noch vorkommt, dann ganz trivial. Schokoladenmarken werben mit dem Sündenbegriff ebenso wie Jeansmarken und Restaurantketten. In London gibt es ein asiatisches Nudelrestaurant namens 'SIN'. Das steht für 'Salvation in Noodles'. (Sehr empfehlenswert übrigens!) Wir lachen über die Sünde und verbannen sie ins Reich der Phantasie. Die Sünde hindert uns, unser Leben frei und glücklich zu leben.
  
Ich sage: wir brauchen das Sündenbekenntnis mehr denn je. Nicht die Trivialisierung oder die Moralisierung der Sünde führen zur Freiheit, sondern das Bekenntnis zu unserer Sündhaftigkeit.

Sünde und Freiheit- wie geht das? 

In unserer Gesellschaft haben sich zahlreiche neue Religionen breit gemacht. Der Weg zu Glück und Erlösung führen über die richtige Ernährung, die neusten Modetrends, exzessiven Sport, Meditation und Positive Thinking... (die übrigens alle durchaus auch eine Rolle in meinem Leben spielen, wenn auch nicht exzessiv). Wir sehnen uns nach Erlösung von dem, was uns belastet und von dem, was das Leben uns oft ungefragt in den Weg wirft. Wir wollen vergessen, überwinden, rein sein. Wir wollen Erlösung vom Gefühl der Lebenslast. Viele neo-spirituelle und trendig-religiöse Angebote versprechen genau dies: wenn man alles richtig macht, dann kann man quasi per sofort rein sein und super-glücklich. Die Wahl ist gross. Und der Druck auch. Welche ist denn nun die richtige Wahl? Was muss ich tun, damit auch ich mich von allem Unangenehmen abheben kann? 

Die Grundannahme, dass wir uns den Zustand des Erlöstseins aktiv erarbeiten können, macht uns unfrei und ist oft egoistisch. Die einen wollen einen möglichst körperfreien Zustand erreichen, die anderen sind auf ihren Körper fixiert und vergessen darüber den Geist. Schon kurz nach der Reformation hat sich dieser Krampf breit gemacht, als man dachte, dass ein fleissiger und arbeitsamer Lebensstil gottgefällig ist. Denn wenn der Priester nicht vermittelt, dann muss man halt selber an diese Sache ran. Mit viel Arbeit. Die protestantische Arbeitsethik hat sich blitzeschnell in unserer Gesellschaft breit gemacht und hockt uns heute noch im Nacken.

Also was jetzt?

Stehen wir doch einfach einmal hin und sagen laut: ich bin eine Sünderin! Oder auf modern: ich verbock's immer wieder! 

Es gibt zwei Arten von verbocken, oder sündigen. Einerseits ist da die individuelle Sünde. Beispiel: ich sage zu einem geliebten Menschen im Affekt etwas, von dem ich weiss, dass es ihn verletzt. Ich sage es trotzdem. Dann gibt es andererseits die strukturelle Sünde. Beispiel: als weisser Mensch bin ich verstrickt in die Geschichte der Versklavung schwarzer Menschen und die traumatischen Konsequenzen, die über Generationen weiter getragen werden, und das obwohl die Sklaverei bei meiner Geburt gar nicht mehr existiert hat. 

Ich bin mit mir selber, mit meinem persönlichen Umfeld, mit der Nachbarschaft, Gesellschaft und der ganzen Menschheit eng verknüpft und alle meine Handlungen und Gedanken haben Konsequenzen, gute wie schlechte. Ich kann mich daraus gar nicht erlösen. Ich kann mich höchstens daraus weg wünschen und meine Verantwortung in der Schöpfung ignorieren. Oder ich kann hinstehen und sagen: ja, ich bin Mensch, und ja, ich verbock's. In der Kirche wird diese Einsicht mit der Taufe zum Ausdruck gebracht.

Jesus hat sich taufen lassen. Warum eigentlich? Ist nicht gerade er, der Sohn Gottes, ohne Sünde? Eben nicht, und das ist der Punkt. Jesus war Gott und Mensch, und als Mensch eben ganz und gar sündhaft. Man kann eben nicht Mensch sein und sich aus der Schöpfungsverantwortung stehlen. Nicht mal Gott kann das.

Super, eigentlich. Einmal hinstehen, taufen lassen, Sündhaftigkeit eingestehen, Vergebung empfangen und aus die Maus. Aber so einfach ist es eben nicht. Das Hinstehen und der Ausruf: ich bin Snder! ist an zwei Bedingung geknüpft: erstens, dass wir einsichtig bleiben und die Vergebung immer wieder suchen, ein Leben lang, und zwar auf allen Ebenen: bei den Mitmenschen und der ganzen Menschheit, die man verletzt, gewollt oder ungewollt. Bei sich selber, dafür, dass wir uns oft so verrennen und wir so fürchterlich streng mit uns selber sind, perfekt sein wollen und unsere eigenen Grenzen nicht anerkennen. Und ganz bestimmt bei Gott, Urgrund des Lebens auf dem wir alle stehen und Quelle aller Vergebung, auch dort, wo unsere eigene nicht hin reicht. Und zweitens, dass wir das Zugeständnis der Vergebung als Kraftquelle nutzen um zu ändern, was wir ändern köönnen, wohlwissend, dass es nie reichen wird, und trotzdem die Hoffnung auf Gerechtigkeit nie aufgeben. 

Wir müssen nicht perfekt sein. Wir müssen einfach dran bleiben. Mit Geist, Körper und Seele. 










Mittwoch, 20. Juli 2016

Mitten im Leben vom Tod umgeben

Ich habe Angst vor dem Sterben. Ich fürchte den Tod. Das Nichts auf der anderen Seite, der ent-ich-te Zustand: mir graust es. Ich kann es mir nicht vorstellen. Ich habe keinerlei Kontrolle oder auch nur einen Schimmer von Ahnung, was da kommt. Klar habe ich Angst. Da hilft das ganze theologische (Schön-)Reden von der Erlösung und vom ewigen Leben auch nichts. Dass Gott diesen Weg auch gegangen ist, na gut, aber die Angst bleibt.

Eine Freundin von mir, auch Theologin, hat einmal an einem lauen Sommerabend beim Sommerbier gesagt: "Der Tod ist doch Verarschung des Lebens." Das hat noch keine Theologin zuvor so treffend ausgedrückt. 

Aber etwas ändert sich. Seit einigen Wochen stelle ich fest, dass der Tod seine hässliche Fratze verliert. Und ich glaube ich weiss auch weshalb. Ich bin mitten im Leben vom Tod umgeben. Was lange eine theologische Floskel war, ist Erfahrung geworden. In meinem Umfeld wird gestorben. Als Pfarrerin besuche ich regelmässig Menschen, die sich innerlich auf das Sterben und den Tod vorbereiten, und manchmal ist der Besuch der letzte Besuch vor der Beerdigung, wo ich dann zum ersten Mal die weitere Familie treffe, von denen ich so viel gehört habe. Wir sprechen bei diesen Besuchen über das Sterben, über den Tod, darüber, wie wir dem Ende entgegen schauen. Viele dieser Menschen sind weit über 90 Jahre und haben eine bewundernswerte Gelassenheit und einen inneren Frieden entwickelt. Es scheint einen Weg zu geben, sich auf den Tod vorzubereiten, und diesen Weg gehe ich ein Stück weit mit, durch Zuhören und Nachfragen. Ich spüre, wie sich diese Gelassenheit auch auf mich überträgt. 

Unverständlicher und schwieriger zu verdauen ist es, wenn die Menschen beim Abgang noch jung sind, in ihren 60ern, vielleicht 70ern, oder manchmal sogar noch jünger. Unerfüllte Träume, Zukunftspläne und Projekte müssen plötzlich der verfrühten Auseinandersetzung mit dem Tod weichen. Drei meiner Onkel sind bereits aus dem Leben gewichen. Sie sind nicht einmal 70 Jahre alt geworden, standen kurz vor oder nach der Pensionierung, wenn es doch erst so richtig losgeht. Das ist unfair. 

Sie haben die Grenze überschritten, sind auf der anderen Seite angekommen, wie auch meine beste Sekundarschulfreundin, die vor zehn Jahren schon die Seite gewechselt hatte. Und vielleicht ist es das, was mir immer mehr die Angst vor dem Tod nimmt: dass die Menschen, die ich kenne, liebe, begleite es irgendwie nach drüben geschafft haben, schon vorgegangen sind. Es werden immer mehr, und irgendwann werde auch ich die Seite wechseln. 

Theologisch gesehen kann man noch lange sagen, Gott ist diesen Weg auch gegangen, durch Jesus den Menschensohn am Kreuz. Aber Jesus hat vor 2000 Jahren gelebt, und von Gott weiss ich gar nicht so genau, wer oder was das ist. Was mir wirklich hilft, ist, dass Katja, Thomas, Willy, Agnes, Tobi, Ruth und Vital diesen Weg schon gegangen sind. Sie haben es auch irgendwie geschafft, haben die ultimative Einsamkeit erlebt und das grosse Loslassen bewältigt, in die totale Unbekannte hinein. Ich kenne diese Menschen, und zu wissen, dass sie da drüben sind, nimmt meiner Angst den Wind aus den Segeln. Nicht immer, aber immer öfters. 

Viele Menschen sind im Leben kaum mit dem Tod konfrontiert, und diejenigen, die es sind, sind oft nicht sichtbar, nicht hörbar. Wir sprechen nicht über den Tod, wagen auch nicht, das Thema mit denjenigen anzusprechen, die wissentlich schon näher dran sind oder ihn aus nächster Nähe miterlebt haben. Dabei ist da so viel Weisheit vorhanden, Worte und Einsichten, die uns, die wir mitten im Leben stehen (oder mitten im Leben zu stehen glauben) so viel geben könnten. Das grosse Loslassen kann man üben,  und wir sollten das alle tun indem wir auf die Weisen um uns herum hören. Sehr oft sind das die Alten, Kranken und Gebrechlichen, die das Haus kaum mehr verlassen oder ans Bett gebunden sind. 

Wir sollten dem Tod endlich wieder einen Platz im Zentrum des Lebens geben und beginnen, uns mit ihm zu versöhnen. 
  

Donnerstag, 16. Juni 2016

97

Sie wurden beide 97 Jahre alt, und ich habe sie beide erst nach ihrem 90. Geburtstag kennengelernt. Beide sind sie im Verlaufe der letzten Wochen verstorben. Zwei betagte Frauen, die ich nie als alt wahrgenommen habe, trotz ihrer Gebrechlichkeit. Ruth und Agnes. Europäerinnen durch und durch, unabhängige Frauen, Wegbereiterinnen, Freigeister. Sie kannten sich nicht, aber ich kannte sie beide, und ihr Tod macht mich traurig und glücklich zugleich. Ich bin dankbar, dass ich sie kennen durfte.

Ruth und Agnes. Ihre Leben lassen sich nicht in einem Blog beschreiben. Ich war ja auch viel zu kurz Teil davon, als dass ich das könnte. In groben Linien gehen ihre Geschichten so:

Agnes, gebürtige Ungarin mit jüdischen Wurzeln, lebte in der Schweiz und später in England. Mit ihrem Mann konvertierte sie zum Christentum. Nach seinem recht frühen Tod fand sie wieder zu ihren jüdischen Wurzeln zurück, liess sich zur Psychoanalytikerin ausbilden und arbeitete noch gut dreissig Jahre auf diesem Beruf. Das strenge Christentum der Ehejahre wich einer liberaleren und spirituelleren Haltung, geprägt von den vielen Stationen ihres Lebens. Ich besuchte sie oft zuhause in ihrer Londoner Wohnung. Wir haben zusammen gelacht und diskutiert, über Europa, Frauenrechte und Religion. Es war jedes Mal eine Bereicherung, und ich war mir nie so ganz sicher, wer nun wen beseelsorgt hatte.

Ruth, gebürtige Schweizerin im Basler Missionshaus mit strengen Eltern. Hat durchgeboxt, dass sie als Mädchen Theologie studieren darf. Sie wurde ordiniert, arbeitete als Pfarrhelferin. Erst 1963 wurden Frauen ins Pfarramt zugelassen. Sie war eine der Ersten. Für Frauen galt bis in die 1980er Jahre das Zölibat. Amt und Haushalt, so hiess es, liessen sich nicht vereinbaren. Sie blieb ledig. Gründete das Ökumenische Forum Christlicher Frauen in Europa. Reiste von Ost nach West und West nach Ost über die Mauer hinweg, bildete Freundschaften und Netzwerke, die bis heute halten. Ich besuchte sie oft in ihrer Basler Wohnung. Wir haben zusammen gelacht und diskutiert, über Europa, Frauenrechte und Religion. Es war jedes Mal eine Bereicherung, und ich war mir nie ganz sicher, wer nun wen beseelsorgt hatte.

Diese 'Biographien' werden Agnes und Ruth nicht gerecht. Viel eher soll das hier eine persönliche Hommage werden an eine Generation Frauen, die es bald nicht mehr gibt. Sie waren die Vorkämpferinnen. Sie haben sich befreit, aus rigiden Elternhäusern und frauenfeindlichen Gesellschaftsstrukturen. Sie hatten Visionen und es gab nur einen Weg: den Weg nach vorne. Hindernisse waren dazu da, um überwunden zu werden. Sie sind weiter gegangen, ohne sich umzudrehen, haben aufs Dach gekriegt und sich wieder aufgerappelt. Das Leben begünstigte die Frauen nicht. Zimperlichkeit war keine Option. Es war ein individueller genauso wie ein struktureller und politischer Kampf. Alles war möglich, Veränderung war Alltag, und so blieben diese Frauen bis ins hohe Alter geistig flexibel und ausserordentlich tolerant.

Es ist jetzt an uns, dieses Erbe weiterzutragen. An den Schulen und Universitäten wird die Geschichte der Frauen nicht gelehrt. Das ist ja nicht so wichtig, denkt man sich. Die Emanzipation der Frauen, denken wir Jüngeren, ist ja heute selbstverständlich. Empanzipiert an den Herd zurück, das geht ja auch. Politik wird sowieso überbewertet. Isolationismus ist nicht nur ein Trend auf internationaler Ebene, sondern auch in unseren Privatleben. Die älteren Semester reiben sich zurecht verwundert die Augen. Die Weitsicht der weisen Frauen stirbt aus, und wenn wir uns nicht bald mal auf die Hinterbeine machen, dann können wir ihren Kampf noch einmal kämpfen. Den ganzen weiten Weg noch einmal gehen.

Lasst uns mutig sein und uns unbeliebt machen, in unserem Umfeld und darüber hinaus. Nicht immer dauernd von allen geliebt werden wollen. Agnes und Ruth und viele andere haben den Weg bereitet, manchmal ganz bewusst, manchmal so nebenbei. Gehen müssen wir ihn schon selber. Lasst es uns tun, bevor er total zugewachsen und ungebehbar ist. Denn das geschieht mit jedem Weg, wenn man ihn nicht pflegt.  

Montag, 11. Januar 2016

Schweigen ist sicher nicht Gold

Ein prominenter Repräsentant der Kirche hat mir gegenüber einmal erläutert, dass die Männer eine aktiv-aggressive Sexualität haben, während die Frauen eher passiv sind, und deshalb der Mann manchmal einfach über die Frau herfallen muss, ob nun in der Ehe oder bei Prostituierten. Solche Meinungen sind salonfähig, bis in die höchsten Kirchenränge. Nicht salonfähig ist, solche Aussagen öffentlich zu machen, weil man sonst seinen Ruf riskiert und unter Umständen später Probleme auf dem (kirchlichen) Arbeitsmarkt kriegt. Das ist auch der Grund, weshalb ich besagtes Gespräch lange in mich hineingefressen habe. Freundinnen haben mir gesagt, ich solle einfach darüber hinweghören, obwohl es sich tief in mich eingebrannt hatte und mich an meinem Platz in der Kirche hat zweifeln lassen. So machen wir Frauen das, wir schweigen, und lassen allerhand sexistischer Aussagen über uns ergehen. Die meisten Aussagen werden vom dem, der sie äussert, nicht als sexistisch wahrgenommen, da sie ja salonfähig sind, und die Adressatin verbringt dann die nächsten Tage damit, den Vorfall zu vergessen, den Ekel abzuschütteln. Wenn ein älterer Herr, den ich noch nie zuvor gesehen habe, mir nach dem Weihnachtsgottesdienst die Hand schüttelt und sagt: "Na, dann geniessen Sie mal den Urlaub, junge Frau!", was soll ich denn da sagen? "Sie auch, alter Mann..."? Nein, ich schweige und lächle, ganz in meiner Rolle, wie das von einer Pfarrerin erwartet wird. Oder wenn ich mit dem Vater der Braut den Einzug bespreche und sage: "Ich zwinkere Ihnen dann zu, wenn Sie loslaufen können", und er erwidert: "Aber nicht, dass die Leute das noch falsch verstehen!" Auch dann verhalte ich mich professionell, obwohl ich innerlich die ganze Trauung damit beschäftigt bin, diesen verbalen Übergriff nicht an mich herankommen zu lassen. Ja, so geht das, herrgottnochmal. Und es reicht mir jetzt einfach mit dem Schweigen. 

Seit den sexuellen Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht in Köln sollte endlich jeder und jede begriffen haben, dass sexistisches Verhalten gegenüber Frauen fester Bestandteil unserer Gesellschaft ist. Nur ist es halt einfacher, sich jetzt zu empören, weil sich das grad so schön mit dem Politikum Massenmigration verbinden lässt. Die Täter waren scheinbar Männer 'nordafrikanischer und arabischer Herkunft'. Das schüttet Wasser auf die Mühlen der RassistInnen und Rechtsradikalen und man kann sich von links nach rechts und wieder zurück ankeiffen. Klar, Menschen, die aus noch patriarchaleren Weltgegenden als der unseren kommen, müssen ihr Frauenbild justieren und sich mit neuen Geschlechterkategorien - und bildern auseinandersetzen, und das ist auch recht so. Aber wie ist das mit uns 'Einheimischen'? Nehmen wir die Gelegenheit wahr, und schauen gleich auch auf uns selber! Die drei oben genannten Beispiele aus meinem Alltag geben nur einen kleinen Eindruck, dass Sexismus gegen Frauen ein Phänomen ist, das alle Kulturkreise betrifft. Und auf diesem Phänomen basiert die Gewalt, wie sie in Köln zum Ausdruck kam, und jeden Tag wieder und wieder und wieder, ohne dass es je in die Medien kommt.

Auf BBC habe ich kürzlich eine Dokumentation mit dem Titel 'Men at War' gesehen. Es geht dabei nicht um die britischen Soldaten, die die Bomben über Syrien abwerfen. Es geht dabei um den Krieg gegen Frauen, ein Phänomen, das mir in diesem Grössenmass so bisher nicht bekannt war. Es gibt ein gut organisiertes Netzwerk westlicher und mehrheitlich weisser Männer, die Frauen regelrecht verabscheuen, den Feminismus als Angriff empfinden, und gegen strengere Vergewaltigungsgesetze kämpfen. "Nein heisst nein heisst nein bis es ja heisst", propagiert etwa Frauenfeind-Koryphäe Roosh V und relativiert damit Vergewaltigungen. Der Besuch seiner Website braucht Nerven. Auf Internetplattformen wird darüber ausgetauscht, wie man Frauen diszipliniert, wie man sie zum Sex 'überredet', wie man die Frau wieder los wird, nachdem man sie gefickt hat. Dieser Roosh V publiziert auch Bücher, die Frauen nach Nationalität auf ihre Brauchbarkeit für sexuelle Abenteuer unter die Lupe nehmen. Diese Bücher werden von tausenden gelesen. So geht das zu und her. In unserem zivilisierten Westen. Da dürfen im Rahmen der Meinungsfreiheit Sachen gesagt werden, die Frauen zu Sex-Objekten und Menschen zweiter Klasse degradieren. Die geheim gehaltenen Seminare sind gut besucht. Diese Männer finden, dass Frauen wieder in ihre hergebrachte Genderrolle der unterwürfigen Ehe- und Hausfrau gezwängt werden müssen, zum Wohl der Gesellschaft. Diese Männer kommen nicht aus Nordafrika oder aus arabischen Ländern. Diese Männer kommen aus den USA, England, Deutschland, Schweden und sind auch da aufgewachsen, seit Generationen schon verankert. Und es sind zehntausende.

Es scheint zum Beispiel auch okay zu sein, wenn ein Fussballspieler einer Frau aus Glaubensgründen vor laufender Kamera den Handschlag verwehrt. Man muss das halt vom kulturellen Hintergrund her verstehen, heisst es dann... Dieselbe Szene wäre ein Skandal (und natürlich zurecht), würde ein weisser Mann einem schwarzen Mann wegen seiner Hautfarbe dasselbe machen. Auch sexuelle Übergriffe am Münchner Oktoberfest sind nicht der Rede wert. Sexismus und Frauenhass, unterschwellig und offen, sind weit verbreitet, und die meisten Frauen können von ihrer alltäglichen Ohnmacht erzählen, von diesen kleinen einschneidenden Erlebnissen, die uns verunsichern. "Luxusproblem", heisst es dann. "Sieh dich doch nicht gleich in der Opferrolle", hört man. Und schweigt halt lieber. Kotzt sich bei der Freundin aus, die das versteht, aber schweigt in der Männerrunde, um nicht in Rechtfertigungszwang zu geraten. Die aktuelle Massenmigration und ihre möglichen Konsequenzen für das Zusammenleben der Geschlechter sollte im gegenwärtigen Diskurs auf jeden Fall auch reflektiert und angegangen werden. Aber das ganze geht viel, viel weiter. Wenn wir eine Chance haben wollen, die Gewalt gegen Frauen zu reduzieren, dann müssen wir überall hinschauen. Und alle in die Verantwortung nehmen.

Es beginnt mit täglichen Einschüchterungstaktiken, Bemerkungen und Verhaltensweisen. Oft Nebenschauplätze, unbewusst. Alltäglicher Sexismus halt. Manchmal wäre es mir lieber, einer würde mir eins ins Gesicht schlagen, statt mir im gesitteten Rahmen seine absurden Sexualtheorien oder Genderchlichés zu erläutern, die ich als verbale Gewalt empfinde. Dann könnte ich wenigstens sagen: He, er hat mir eins in die Fresse gehauen! Und dann die Einschüchterungen auf sozialen Medien: "Pass ein bisschen auf dich auf, das könnte dir beruflich schaden", wenn man sich mal über was ärgert. "Wenn du wüsstest, was in Männergehirnen vorgeht..." Oder der Klassiker: "Männer, die ihre tierischen sexuellen Triebe nicht zugeben, sind einfach nicht ehrlich." Dazu möchte ich mal klipp und klar eins sagen: ich lasse mir von niemandem, niemals, mein Vertrauen in meine männlichen Nächsten zerstören. Das sind hochanständige Menschen (die, die auf Frauen stehen ebenso wie die wo nicht). Ich werde ihre Anständigkeit gegenüber den Einschüchterern immer verteidigen. Immer! Mein Vertrauen lasse ich mir nicht zerstören. Die Norm sind für mich die Anständigen, die Respektvollen. Klar, die allermeisten Menschen sind sexuelle Wesen, und das spiegelt sich in allen Köpfen wieder, in den männliche, den weiblichen, den transgender, je nach Mensch mehr oder weniger. Im Rechtfertigungszwang müssten eigentlich diejenigen sein, die ihre Triebe und Phantasien schlecht im Griff haben und auf Kosten anderer ausleben müssen, und nicht diejenigen, die einen gesitteten Umgang damit haben. Warum aber ist es in Realität oft andersrum? Warum müssen sich eigentlich immer die Anständigen verteidigen?

Es ist doch eigentlich absurd, dass man so herabgewürdigt wird, nur weil man per Zufall zu den Menschen gehört, die mit Brüsten geboren wurden. Was ist denn da bitte der Zusammenhang? Ich bin biologisch gesehen eine Frau, ja, und ich bin gerne eine Frau. Ich fühle mich in meinem Körper meist pudelwohl. Gleichzeitig kann ich mit vielen Aspekten des kulturellen Geschlechts 'Frau' herzlich wenig anfangen. Zum Beispiel mit der Erwartung, dass ich mich für meine Hochzeit in ein weisses Prinzessinnenkleid zwängen soll, und weil ich das nicht tue, lustig gemeinte Aussagen hinnehmen musste wie: "It's an anti-wedding!" oder "You always do things different." Ich kann darüber nicht lachen. Die Anständigen nehmen mich ernst. Die anderen nennen mich humorlos und klopfen sich auf den Schenkel vor Lachen. Ich habe auch nicht den brennenden Wunsch, Mutter zu sein, obwohl ich es auch nicht ausschliessen will und Kinder sehr gerne mag. "Du unterdrückst deinen natürlichen Instinkt", heisst es dann, oder "das kommt schon noch". Ich trage lieber Hosen als Rock, bin eine recht solide Biertrinkerin, und sage Bescheid, wenn mir was nicht passt. Das Modell Sexuell-aggressiver-Mann und Sexuell-passive-Frau deckt sich nicht mit meinem Erfahrungsschatz. Ich habe eigentlich sowieso die Nase gestrichen voll, über mein biologisches Geschlecht definiert zu werden und im professionellen Rahmen immer erst mal als 'junge Frau' behandelt zu werden. Ich bin Carla, capisci?

Wir sollten uns endlich aus dieser Spirale der Unterteilung der Menschheit in zwei Geschlechter befreien. Weg mit den blauen und rosa Karten, Schluss mit der Geschlechterfestlegung, sobald ein neues Menschlein geschlüpft ist, worauf gleich die geschlechterspezifische Sozialisierung anfängt. Wir sollten uns einfach alle als Kreuz und Queer definieren, denn nebst dem kleinen Unterschied, dass die einen Menschen ihren Samen beisteuern, um ein neues Menschlein zu produzieren, und die anderen Menschen diese neuen Menschlein in ihrem Körper austragen und zur Welt bringen, gibt es doch eigentlich gar nicht so viele Unterschiede. Wir machen die Unterschiede. Wir können sein, wer wir sind, wenn wir es einander nur zugestehen. In so einer Welt stünden am Kölner Hauptbahnhof dann nicht mehr 1000 Männer und 1000 Frauen, sondern 2000 Menschen. Die Geschlechterautomatismen würden sich langsam auflösen. Ich bin überzeugt: wir können alle lernen, zuerst den Mensch zu sehen, und das kleine Detail mit den Geschlechtsmerkmalen erstmal unter ferner liefen abzuspeichern. Die Anständigen können das ja auch. Was nicht heisst, dass wir unseren Sexualtrieb unterdrücken müssen! Es ist immer ein Geschenk, wenn sich zwei Menschen auf dieser Ebene finden.

Schon Paulus hat gewusst: im Gottesreich ist weder Christ noch Jude, weder Mann noch Frau, weder Sklave noch Herr. Wir sind alle eins in Jesus. (Brief an die Galater 3:28) An Weihnachten predigen wir, dass Gott Mensch geworden ist, nicht Mann zuerst, sondern Mensch. Ja, Gott ist in einem männlichen Körper erschienen, soweit wir das von den biblischen Quellen erfahren. Aber die Sexualität steht dabei gar nicht im Vordergrund. Möglich, dass Jesus mit Maria Magdalena eine romantische Beziehung hatte, wie das viele gerne glauben wollen. Oder mit seinem Lieblingsjünger Johannes. Wahrscheinlicher aber noch war Sexualität gar nicht so wichtig in seinem Leben. Er war durch und durch Mensch, mit männlichen Geschlechtsmerkmalen, hat sich für das Menschsein eingesetzt und hat das Angesicht Gottes in jedem Menschen gesehen. Deshalb ist es auch so wichtig, dass wir uns von der Geschlechtlichkeit Gottes lösen.

Wir können gegen Gewalt gegen Frauen angehen, wenn wir das Problem bei der Wurzel packen. Wenn wir nicht warten bis einer zuschlägt oder vergewaltigt, sondern den alltäglichen Sexismus in all seinen Varianten wahrnehmen und ernst nehmen. Indem wir auf die anständigen Männer hören, und für sie einstehen. Indem wir den Frauen zuhören und die kleinen alltäglichen Ohnmachtserfahrungen ernst nehmen. Indem wir endlich den Mund aufmachen und uns nicht mehr einschüchtern lassen von den vielen "das könnte dir schaden" und den "du bist doch kein Opfer" Bemerkungen. Indem wir von uns selber als Kreuz und Queer statt als Mann oder Frau denken, individuell und wunderschön gemacht nach dem Bild Gottes. Wenn wir schweigen, machen wir uns mitschuldig. Deshalb lasst uns mutig sein und aufbrechen und endlich Mensch werden.




Dienstag, 5. Januar 2016

Gedanken zum Drei-Weisen-Tag

Wie eine Verheissung, ein Versprechen liegt das neue Jahr vor uns. Und wie jeder Jahresanfang bringt auch dieses Jahr wieder Hoffnungen und Träume zum Vorschein, die irgendwo vergraben lagen. Wir erinnern uns an die Dinge, die wir gerne verändert hätten und an die unerfüllten Träume, in der Hoffnung, dass sie sich dieses Jahr verwirklichen.

Wir Menschen sind ja ständig auf der Suche. Wir schauen entweder zurück oder nach vorne, wünschen uns die Vergangenheit zurück oder die Zukunft herbei. Dabei bleibt kaum Zeit für die Gegenwart. Aber genau da spielt sich doch das Leben ab: in der Gegenwart. Die Gegenwart ist auch der Ort Gottes, Gott Immer-Schon-Da, die uns immer schon gefunden hat. In jedem Augenblick präsent. Erst wenn wir in der Gegenwart leben, geben wir Gott eine Chance, uns zu finden. Deshalb lasst uns an diesem Jahresanfang doch einfach mal die Gegenwart willkommen heissen, das Da-Sein, den Lebensatem, der uns ständig durchfliesst, uns zu lebendigen Menschen und uns alle gleich macht: Abbild des Göttlichen, Du, Ich, ob Christin oder Muslima, ob Jude oder Atheist, ob Mann oder Frau oder Transgender, ob In- oder AusländerIn.

Wir denken oft, wenn wir uns nur fest genug anstrengen, dann werden wir Gott finden. Aber es ist doch genau umgekehrt: Gott ist immer schon da, wir müssen uns nur finden lassen. 

Karl Barth hat gesagt: "Es gibt wohl eine Gottlosigkeit des Menschen, aber es gibt keine Menschenlosigkeit Gottes."

Weihnachten ist vorbei, der ganze Rummel, die Aufregung. Am Drei-Königs-Tag haben wir endlich Zeit uns Gedanken zu machen, was die Weihnachtsbotschaft eigentlich bedeutet. Wir können uns in aller Ruhe der Krippe zuwenden, so wie die drei Weisen. Es wird wieder ruhiger. Wir denken wieder in Wochentagen. Gott ist Gegenwart geworden, ist Mensch geworden. Gott ist im Hier und Jetzt. Lasst uns in die Fussstapfen der drei Weisen treten und dieses Kind in der Krippe betrachten. Viel mehr müssen wir eigentlich gar nicht tun. Oder wie es in Jeremiah heisst: "Niemand muss dann noch seine Nachbarn belehren oder zu seinen Geschwistern sagen: 'Lerne Gott kennen!' Denn alle werden schon wissen, wer ich bin, von den Geringsten bis zu den Vornehmsten." (Jeremiah 31,33)

Wenn wir bei uns sind und uns Zeit für die Gegenwart nehmen, Da sind, dann setzen wir Ressourcen frei, um uns unseren Mitmenschen zuwenden zu können. Der Weg zum Frieden: uns dem Kind in der Krippe zuwenden, wie Gott zu Menschen werden, und dadurch andere Menschen Mensch werden lassen.

Ein gutes neues Jahr!