Samstag, 4. Februar 2012

Im falschen Film

Samstagabend.

Nach einer weiteren intensiven Studienwoche auf dem kirchlichen Hochsitz Boldern über dem Zürichsee scheint mir das Versinken im Kinosessel die richtige Freizeitoption. Man wird nicht gesehen, braucht nicht zu reden und kann sich der Passivität voll und ganz hingeben. In die Welt des Films entfliehen...

Der Blick ins Kinoprogramm ist reizvoll. Im Vergleich zu anderen Wochen flimmern gleich mehrere sehenswerte Filme über die Leinwand. Wichtigstes Auswahlkriterium für heute: leicht, luftig, ein Hauch von Hollywood, ein bisschen Romanze, ein paar Tränen und zum Schluss ein fulminantes Wohlfühlende. Die Seelsorgewoche auf Boldern hatte nämlich mit einigen heftigen Themen aufgewartet: zum Beispiel Seelsorge am Sterbebett und bei Hinterbliebenen. Nach der schonungslosen Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit und der Rolle als Pfarrerin am Ende eines Lebens schien mir George Clooney gerade der richtige Zeitgenosse, um das Gedankenrad zum stehen zu bringen und die heiteren Seiten des Lebens zurück ins Bewusstsein zu holen.

George Clooney - in erster Linie professioneller Nespressotrinker und Dauerbeau. Unglücklicherweise schien meine Erinnerung nicht so weit zurück zu reichen, dass der umschwärmte Hollywoodstar eben nicht nur einfach schön aussieht, sondern sehr oft kritische und aufwühlende Rollen verkörpert, die, wenn auch oft mit einer grosszügigen Portion Ironie, gar nicht so leicht daherkommen wie die Lektüre über das Privatleben des Schauspielers in der Gala. George Clooney in einem oscarnominierten Film, das ist der ultimative Abschaltfilm - dachte ich mir. Ich hatte noch "Up in the Air" im Kopf, eine wahrlich leichte Liebeskomödie an den Flughäfen der Welt.

Hätte ich vorher die Zusammenfassung des Films "The Descendants" gelesen, hätte ich geahnt, dass der Film nichts anderes ist, als eine Fortsetzung der Seesorgewoche auf Boldern: eine Frau auf dem Sterbebett, umgeben von der sich streitenden und versöhnenden Familie, die sich in der ausweglosen Situation irgendwie ihren Weg sucht - manchmal recht, manchmal schlecht. "The Descendants" - ein gehaltvoller und unglaublich stark gespielter Film. Aus Perspektive der Vikarin jedoch eine Verlängerung der bisher emotionalsten und dichtesten Seelsorgewoche. Immer wieder habe ich mich beim Gedanken ertappt, wie ich auf diese oder jene Situation reagieren würde, habe das inszenierte Familiensystem analysiert und mich gefragt, welche Rolle die einzelnen Charaktere in diesem Beziehungsnetz spielen.

Die Seelsorgewoche hat mir bestimmt eine ganz eigene Perspektive auf den Film eröffnet. Aber eigentlich wollte ich doch nur im Kinosessel versinken und die Sterblichkeit ganz und gar vergessen...

Lesson learnt: als Vikarin das Kinoprogramm ganz genau studieren!

Dienstag, 31. Januar 2012

Von der Wiege bis zur Bahre: Ja, ich will!

Vikar R. und Vikarin G. stehen sich gegenüber, Hand in Hand, vor dem Altar. Auf die Frage von Vikarin B., ob sie sich treu sein wollen, und in guten wie in schlechten Zeiten zueinander stehen, antwortet Vikarin G. zögerlich mit "Ja, ich will". Vikar R. setzt etwas beherzter an. Er kennt das schon von seiner richtigen Hochzeit. Die zwanzig Vikare und Vikarinnen in den Kirchenbänken grinsen, zaghaft verlegen, fast ein bisschen gerührt. Auf den rituellen Hollywood-Kuss warten wir jedoch vergebens. Die Übung wird hier abgebrochen. Die Runde ist offen für Feedback an Vikarin B.

Vikar R. und Vikarin G. sind das Probepaar. Am unechten Bräutigam und der unechten Braut übt der Vikariatskurs 2011/2012 in der Kirche Bruggen bei St.Gallen das Vermählen. Wohin setzt sich das Brautpaar und zu welchem Zeitpunkt? In welche Richtung blickt das Paar? Einander an oder zur Pfarrerin? Wann kommt Gebet, Segen, Eheversprechen und in welcher Reihenfolge? Soll man die Hände des Paars zum Segnen berühren oder ist das aufdringlich? Wird das Eheversprechen mit 'bis dass der Tod euch scheidet' oder ohne vorgelesen? Vikar L. findet heraus, dass die Wendung in den von der Pfarrschaft benutzten Liturgiebänden nicht mehr vorkommt. Es ist ja auch gar nicht mehr so zeitgemäss, gar realitätsfern, ausser wenn man den Tod nicht nur als das Ende des irdischen Lebens interpretiert, sondern auch als destruktive Macht in einer Beziehung, die eine Ehe vor dem endgültigen Ableben der Eheleute beenden kann. Dieses Hilfskonstrukt ist aber höchstens für eine Trauung von TheologInnen empfehlenswert...

Wobei wir bereits beim nächsten Studientag angelangt wären: Nach der Eheschliessung wird das Beerdigen geübt. Mit einem gewissen Galgenhumor stellen sich die angehenden Pfarrpersonen dieser existentiellen Aufgabe. Bei einem Spaziergang über den Friedhof lassen wir uns von den Gräbern zu Abdankungspredigten inspirieren, die wir später gegenseitig kommentieren und austauschen. In Kleingruppen tragen wir Grabreden vor und überlegen uns, worauf beim Senken der Urne oder des Sarges zu achten ist. Jeder Schritt, jedes Wort soll genau geplant sein, damit die Angehörigen sich sicher und geleitet fühlen. Beim Beerdigen gibt es keinen Probelauf.

Last but not least trainieren die Vikare und Vikarinnen an Bäbis das Taufen. Welche Aufgabe kommt beim Taufen den Grosseltern, den Paten, den Geschwistern zu? Mit wievielen Fingern wird das Wasser auf die Strin aufgetragen? Kann auch ganz traditionell Wasser mit der hohlen Hand über die Stirn geschüttet werden? Wird die Taufkerze vor oder nach dem Taufakt angezündet? Wie wird mit gottesdienstlichen Sonderwünschen der Tauffamilie umgegangen?

Ja, wie wird eigentlich mit den ganzen Sonderwünschen bei Kasualien (so werden die kirchlichen Rituale an wichtigen Lebensübergängen genannt) umgegangen? Kasualien sind PR für die Kirchen - so sehen das die einen. Kasualien sind immer auch Seelsorge - denken andere. Kasualien sind Verkündigung und werden manchmal unter Druck von Verwandten abgehalten - ein Dilemma. Die Hochzeit soll einen Hauch von Hollywood umgeben (Kate und William lassen grüssen). Bei der Taufe soll für die Taufeltern das Kind ganz besonders im Zentrum stehen, während die Pfarrperson der ganzen Sonntagsgemeinde gerecht werden will. Bei Beerdigungen treffen umwälzende Lebenskrisen und tiefe Trauer auf den oftmals unberechenbaren und chaotischen Berufsalltags der Pfarrerin. Und was, wenn die Pfarrperson selber von Gefühle der Anteilnahme überwältigt wird?

In Gesprächen stelle ich oft fest, dass die Menschen an sich selber viel höhere Ansprüche stellen als ich selber in der Rolle als Pfarrerin. Was ich vom Brautpaar oder von den Taufeltern erwarte sind Neugier und Ehrfurcht vor dem Leben und eine gewisse Kompromissbereitschaft bezüglich der Kasualfeier. Ich erwarte kein Glaubensbekenntnis, keinen Gottesbeweis, keine Aufzeichnung über den regelmässigen Gottesdienstbesuch und keine genauen Bibelkenntnisse. Menschlichkeit, Ehrlichkeit und das Vermögen, sich auf das Neue, Andere einzulassen, das finde ich schon sehr viel. Eine gewisse Offenheit für das Unverfügbare im Leben, das möchte ich spüren, damit ich gerne eine Kasualfeier gestalte. Darauf kann man gemeinsam bauen. Ich mag die Menschen, und ich will, dass sie sich an ihren wichtigen Tagen begleitet und geleitet fühlen, dass sie ihre Gefühle zum Ausdruck bringen können und sich in ihren Anliegen ernst genommen fühlen. Wenn die Offenheit gegenseitig ist, dann helfe ich auch gerne, dem Tag ein bisschen Hollywood zu verleihen!

Sonntag, 22. Januar 2012

Neue Gemeinde, neue Sitten

Seit 1. Januar bin ich in einer neuen Lehrgemeinde. Die Kirche Heiligkreuz steht östlich stadtauswärts auf einer Anhöhe. An sonnigen Tagen sieht man von den Drei Weiheren den mächtigen Kirchturm der Jugendstilkirche. Sie war die erste Kirche im Ostbezirk Tablat, erbaut 1911-1913, als der Osten der Stadt noch abgetrennt vom Zentrum einen eigenen Mikrokosmos bildete. Hier lebte die Arbeiterklasse fernab von den wohlbetuchten Stadtherren, die durch die weltberühmte St.Galler Stickerei Ruhm erlangten.

Das Fresko über dem marmorbeschichteten Altarraum zeigt Abbildungen von Menschen, die damals beim Erbau der Kirche im Heiligkreuz gewohnt hatten - Arbeiter und Arbeiterinnen mit ihren Werkzeugen, wohlgeformte Frauen, das goldene Haar als Zopfkranz gebunden, kräftige Männer mit bärtigen Gesichtern und lockeren Hemden. Keine typischen Hirten und Hirtinnen, wie wir sie uns heute vorstellen würden! Aber die Krippe, zu der sie sich hinwenden, ist auch nicht gerade historisch hieb- und stichfest dargestellt. Das ebenfalls sehr nordisch aussehende Maria-Josef-Paar steht inmitten einer wohlgetrimmten Buchsbaumhecke, das Kindlein in den Armen, und der zukünftige Christus prachtvoll über ihren Köpfen schwebend.

Der Künstler Carl Liner wurde für seine tollkühne Darstellung der barfüssigen Arbeiterklasse im Fresko aus der Stadt gejagt und konnte nie wieder künstlerisch tätig sein. Das Fresko im Heiligkreuz war sein grösstes und letztes Werk. Zu Lebzeiten wurden seine Bilder nie mehr ausgestellt.

Lange bevor die Kirche Heiligkreuz ihren heutigen Platz fand, diente der Hügel als Galgenhügel.

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Der Kirchenraum ist mächtig, ganz anders als der quadratisch moderne Innenraum der Haldenkirche. Über den Köpfen der Gemeinde thront die Orgel. Wenn sonntags 20-30 Gemeindeglieder sich zum Gottesdienst versammeln, dann wünscht man sich wohl manchmal hundert Jahre zurück, in eine volle Kirche, nur um zu sehen, wie dieser Raum gefüllt aussieht. Dem kleiner werdenden Publikum hat sich die Gemeinde angepasst, indem sie die ersten Reihen Kirchenbänke hat herausreissen lassen und stattdessen moderne Stühle hingestellt hat. So versammelt sich heute die Gemeinde im Halbkreis im Altarraum. Eine kleine, feine, besinnliche Runde.

Nach dem Gottesdienst schüttle ich Hände.

"Wie sagt man Ihnen denn? Frau Pfarrer noch nicht, oder?" - "Ach, einfach Carla." - "Das ist aber nicht besonders angebracht... Dann einen schönen Sonntag, Frau Vikarin!"


Andere Gemeinde, andere Sitten.

Mittwoch, 11. Januar 2012

And the Seelenstriptease Award goes to....

Langsam gehe ich mir selber auf die Nerven! Lernt man doch schon als kleines Kind, dass sich nicht alles immer nur um einen selber dreht. Besonders Mädchen haben sich von dieser in Verruf geratetenen Eigenschaft zu distanzieren. Und als Pfarrerin sollte man erst recht ganz und gar selbstlos sein! Die Kombination meines Geschlechts mit meinem Beruf ist für die vikariätliche Nabelschau denkbar ungünstig.

Denn es dreht sich ganz viel immer wieder um einen selbst. Und ist die Runde fertig gedreht, geht sie wieder von vorne los. Der Fragebogen zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung beinhaltet 210 Punkte zur Selbsteinschätzung. Da soll man sich 210mal auf einer Skala von 1 bis 6 selber einstufen. Zum Beispiel:

Menschen, die sehr schnell Kontakt knüpfen, irrtieren mich.


Manchmal muss man meinen Tatendrang bremsen.


Anderen gegenüber bin ich misstrauisch.


Ich bin frei von Ängsten.


Das ist wie ein besonders langer Brigitte-Persönlichkeitstest, aufgrund dessen ein berufsbezogenes Profil erstellt wird. Hat man sich dann mal durch diese Fragen durchgekaut, zögerlich und zweifelnd, manchmal aber auch beherzt und selbstbewusst angekreuzt, kommt der nächste Abgabetermin: der Vikariatszwischenbericht ist fällig! Hier sind gefragt:

Mein eigener genereller und zusammenfassender Eindruck von mir als Vikarin


Der Stand meines Lernweges in den vier Handlungsfeldern Unterricht, Gottesdienst, Gemeindeaufbau und Seelsorge


Meine Positionierung in Bezug auf neun Kernkompetenzen wie zum Beispiel Teamfähigkeit und innere Überzeugung


Woher komme ich? Wer bin ich? Wohin gehe ich? Die grossen Fragen des Lebens liegen in Greifweite und entgleiten doch mit jedem Kreuzchen in weite Ferne. Es ist, wie wenn man sich selber in eine Form giessen müsste, im Hintergrund ständig das Bewusstsein um das Unbewusstsein, das seit C.G. Jung in unseren Köpfen unbekannterweise dauerpräsent ist.

Meine derzeitige Bettlektüre "Die Feigheit der Frauen" von Bascha Mika (ehemalige taz-Chefredakteurin und damit eine der ganz, ganz wenigen Frauen, die je einer grossen deutschsprachigen Tageszeitung vorstanden und deshalb weiss, wovon sie spricht) erinnert mich ständig daran, dass ich mich diesen Kreuzchen und Fragebögen gefälligst zu beugen hätte. Dass ich mich mit diesen Kreuzchen und Sätzen zu einer durchsetzungsfähigen Berufsfrau mausere, die sich nicht so leicht ans Bein pinkeln lässt. Und dass ich meine Gewissensbisse bezüglich meiner Selbstumrundung gefälligst dem hehren Ziel der beruflichen und gesellschaftlichen Gleichstellung der Geschlechter unterzuordnen hätte.

Danke, Bascha Mika! Ihnen widme ich den nächsten Brigitte-Persönlichkeitstest!

Dienstag, 3. Januar 2012

Nostalgie

Ankommen auf Boldern ist ein bisschen wie nochmals von vorne beginnen. Hier lernten wir Vikare und Vikarinnen uns im August gegenseitig kennen. Es war Sommer und warm, sonnig und Aufbruchstimmung, und abends konnten wir draussen sitzen und fühlten uns bei ein, zwei Schluck Wein ein bisschen wie verwegene StudentInnen. Wir gingen aufs Boot, wenn wir abends frei hatten, oder im See baden, und fragten uns, was in diesem Vikariat wohl alles auf uns zukommen würde. Wir rissen Witze über das zukünftige Pfarrersein, aus Verlegenheit vor dem Unbekannten. Es fühlte sich gut an, tollkühn und speziell, als lernende Pfarrerin in eine Gemeinde zu gehen.

Jetzt ist Winter. Wir sitzen abends nicht mehr so lange draussen. Nicht nur, weil die sommerliche Wärme schon lange das Weite gesucht hat (abgesehen von ein paar fehlgeleiteten Frühlingstagen), sondern weil auch die hartgesottenen unter uns als halbfertige Pfarrer und Pfarrerinnen abends ziemlich fertig sind. Die Arbeit in der Gemeinde erfüllt auch längstens das Soll an sozialen Kontakten, die während des Verfassens der Lizentiatsarbeit zu kurz gekommen waren. (Oder in meinem Fall: die Gespräche über Gott, Kirche und die Welt während meines Aufenthalts im super-säkularen London.)

Auf den zweiten Blick ist es doch ziemlich anders als am Anfang. Die ehemals fremden Gesichter sind zu vertrauten Gesichtern geworden, die alle paar Wochen aus dem Nichts auftauchen und ein Gefühl von Normalität vermitteln - wie ein Haufen alter Schulfreunde oder eine Familiensippe. Da fühlt sich der eingeschlagene Werdegang, der sonst für irritiertes Stirnrunzeln sorgt, für ein paar Tage ganz normal an. Vikare und Vikarinnen unter sich. Nächsten Sommer beziehen die ersten ihre Pfarrhäuser und leiten die Gemeinde selber, wie die Grossen, ohne die hin und wieder auftauchende Gruppe von Mitlernenden und ohne die Runden intensiver Selbstreflexion.

Es ist nicht mehr Sommer. Nach dem Abendessen ist es schon lange dunkel. Statt auf dem Vorplatz hoch über dem Zürichsee versammeln wir uns abends im Billardraum, töggelen oder schieben Kugeln über den grünen Tisch, schalten MTV ein und fühlen uns ein bisschen wie unser jugendliches Klientel. Die tiefschürfende Verarbeitung von Erlebtem und Gelerntem sparen wir uns, denn eigentlich sind wir einfach froh, dem ewigen Feedback in der Gemeinde zu entkommen, dem Ausgestelltsein und öffentlichen Ausprobieren. Wahrscheinlich wirken wir wie spätberufene KonfirmandInnen. Nur dass keiner wirklich versteht, worum es in dieser Sendung auf MTV eigentlich genau geht (irgendwelche junge Menschen müssen mit ihren grossen Autos nach Miami in eine WG fahren). Die Jugendlichen in den Gemeinden werden es uns nächste Woche erklären können...

Montag, 2. Januar 2012

War da was?

Da war doch was... Weihnachten, Silvester, Neues Jahr. War das schon?

Einmal reingerast, durchgeschüttelt und hinten wieder rausgespickt reibe ich mir ungläubig die Augen. Blick zurück auf die letzten zehn Tage. Wow! Das machen Pfarrer und Pfarrerinnen also Jahr für Jahr! Das Gesamtchaos lässt sich kaum in Worte fassen, obwohl ich mich arbeitstechnisch nur gerade der Hälfte der zu absolvierenden Gottesdienste angeschlossen habe: Heiligabend um 22:30 und Neujahr um 12 Uhr. Kombiniert aber mit der Nervosität der Lernenden, der überdurchschnittlich vollen Kirche und der erstmaligen Einsetzung des Abendmahls zusammen mit dem Lehrpfarrer war die Intensität stark genug. Am Heiligabend war ich gesamtfamiliär gesehen mit meiner konsequenten Nüchternheit denn auch auf weiter Flur alleine. Während sich meine Liebsten richtig feierlich gehen lassen konnten, sich dem Glanz der Christbaumlichter und dem schmelzenden Käse im Racletteofen hingaben, repetierte ich im Kopf wieder und wieder die Einsetzungsworte des Abendmahlweins. "Er nahm den Wein, dankte, gab ihn seinen Jüngerinnen und Jüngern und sprach: nehmt und trinkt. Der Wein ist ein Zeichen der Tränen, die für euch vergossen worden sind." Der dramaturgische Anspruch kam noch hinzu, und so übte ich mit dem Weissweinglas am Familientisch die entsprechende Bewegung, was mich einigermassen beruhigte und lockerte.

In der Kirche, neben den weihnächtlichen Routiniers des Gemeindeteams, tigerte ich aufgeregt die Sakristei auf und ab und sprach mir die Worte nochmals vor dem Spiegel vor. Es war soweit. Die wunderschön feierlich geschmückte Kirche war voll, die Kirchenglocken verstummten. Das erste Abendmahl ging vorbei, wie damals die erste Predigt, die erste Schullektion und das erste Jugend-Weekend. Es war feierlich und schön und ich fühlte mich dabei überhaupt nicht so fehl am Platz, wie ich das im Vorfeld befürchtet hatte. Manche Dinge muss man einfach ausprobieren und schauen, wie sich das anfühlt. Neben mir mein Lehrpfarrer, der im Notfall die Situation schon gerettet hätte, vor mir die Konfirmanden und Konfirmandinnen, die mir ermutigend zulächelten, und in der Gemeinde viele bekannte Gesichter, zu denen ich mittlerweile dazu gehörte. Die verinnerlichten Worte kamen, der Kelch zerbrach nicht auf dem Boden und die Atmosphäre in der Kirche erreichte einen feierlichen Höhepunkt. Da war was.

Die Rolle der Pfarrerin wächst mir ganz allmählich an den Leib. Das fühlt sich gleichzeitig eigenartig und erfreulich an. Rückblickend auf die erste Hälfte des Vikariats (weil Jahresrückblicke ja irgendwie dazu gehören) finde ich diesen Beruf einen der schönsten der Welt. Man wächst da so rein - ja, sogar in den Pfarrberuf! Einzelne Handlungen und Abläufe werden zur Gewohnheit: wie das Predigen, das Einsetzen des Abendmahls und das laute Mitsingen der Kirchenlieder. Ein nicht ganz gewöhnlicher Beruf, zugegebenermassen, aber ein emotionaler, engagierter, sozialer und feierlicher. Ein Beruf, der mich als Menschen herausfordert und aufrüttelt, der Menschen zusammenbringt und begleitet.

Ja, da war was.



Montag, 19. Dezember 2011

Neulich auf dem Physio-Schragen...

Es war der Tag, als es zu schneien begann. Endlich leerte Frau Holle ihre Daunenkissen und brachte den lang ersehnten Winter nach St.Gallen. Klirrende Kälte. Der perfekte Pfarrer-Sonntag (Dienstag), um dem Säntispark einen Besuch abzustatten (für Nicht-Sanggaller: das ist ein Wellness-Bad). In der heissen Aussentherme mit Blick auf den stolzen Hausberg Säntis, freute ich mich auf die Massage, die meinen Hexenschuss endgültig wieder hinbiegen sollte.

Ich: "Ich hatte einen Hexenschuss kürzlich, hier so rechts neben der Wirbelsäule."


Er (jung, vielleicht 18): "Was arbeiten Sie denn?"


Ich: "Hmmmm... ääääh... als Pfarrerin."


Er: "Was?? Also so die in der Kirche?"


Ich: "Ja, die so in der Kirche."


Er: "Echt jetzt? Ist ja kraaaass! Ich hatte noch nie eine Pfarrerin auf dem Schragen! Wow!!"


Ich: "-"


Er: "Ja dann glauben Sie an das, was in der Bibel steht?"


Ich: "Naja, an alles, was in der Bibel steht, glaube ich nicht. Aber an Gott, ja, glaube ich."


Er: "Ist das ein Unterschied?"


Ich: "Schon, ja. In der Bibel steht auch Mist. Da geht's teilweise gewalttätig zu und her. Das finde ich nicht gut."


Er: "Ah echt? Sind Sie so eine kritische Pfarrerin?"


Ich: "Kritisch sollte man auf jeden Fall immer sein. Wie sonst soll man als Pfarrerin mit den Leuten reden und sich auf die Gegenwart einlassen können?"


Er: "Ich glaube nicht so fest an Gott, aber ein bisschen was stimmt ja vielleicht, eine höhere Macht oder so. Wenn ich das meinen Kollegen sage, dann halten sie mich für verrückt. Ich gehe nicht in die Kirche. Aber in der Bibel stehen schon gute Sachen. Also zum Beispiel die Geschichte mit dem Blinden, der wieder sieht, das ist ja nicht wörtlich gemeint, also dass der WIRKLICH wieder sehen kann. Halt mehr so im übertragenen Sinn, dass ihm ein Licht aufgeht, dass er etwas versteht."


Ich: "Wollen Sie nächsten Sonntag für mich predigen?"


Er: "Ich kann nicht so gut vor Leuten sprechen."


Ich: "-"


Er: "-"


Er: "Was halten Sie eigentlich vom Islam?"


Ich: "Öööööh.... ist eine Religion wie das Christentum. Wir stehen uns sogar sehr nahe. Für den Islam sind das Christentum und das Judentum Teil ihrer eigenen Religionsgeschichte."


Er: "Aber die sind doch voll krass, voll gewalttätig und so, also was da im Koran steht."


Ich: "In der Bibel steht zum Beispiel: Ihr sollt alle Völker um euch herum vernichten! Auch nicht grad friedvoll, oder?"


Er: "Echt, das steht in der Bibel?"


Ich: "Ja, wortwörtlich. Deshalb sag ich ja, man sollte nicht jedes Wort in der Bibel glauben. Dasselbe gilt für den Koran. Die Mehrheit der christlichen und muslimischen Menschen sind aber friedvoll und tolerant. Extremisten gibt es leider überall. Sie verdrehen die Religion."


Er: "Mich stört einfach, dass die uns in der Schweiz mit ihren Minaretten den Raum wegnehmen. Es ist eh schon eng genug."


Ich: "So ein Minarett ist nicht besonders breit. Das ist eine Art Ansatz der Moschee, wie ein schmaler Kirchturm."


Er: "Ja aber die Moschee nimmt ja auch Platz weg. Da dürfen Nicht-Muslime nicht mal rein! Das stört mich total, dass es in der Schweiz solche Räume gibt, wo es uns verboten ist, reinzugehen. Wie fremdes Land im eigenen."


Ich: "Erstens Mal ist das totaler Schwachsinn! Natürlich darf man in die Moschee! Ich war gerade vor zwei Wochen in der bosnischen Moschee in St.Gallen. Ich war auch schon in Moscheen in London und in Frankreich. Die Muslime zeigen Ihnen sehr gerne ihre Gebetsräume. Schreiben Sie das mit und sagen Sie es allen Ihren Kollegen! Dass man als Nicht-Muslim nicht in die Moschee darf, ist absoluter Nonsense."


Er: "Aha..."


Ich: "Zweitens: Haben Sie sich schon mal beim Schweizerischen Geheimdienst beschwert, dass Sie da nicht einfach reinlaufen können? Oder bei der Goldkammer der Schweizer Nationalbank? Oder bei den Freimaurern?"


Pfarrerin auf Massage-Schragen sollte kostenlos sein.